Die fantastische Winterreise zu Laufen
Im Alts Schlachthuus begegneten sich die klassische «Winterreise» von Franz Schubert und der Broadway-Liederzyklus «Dezemberlieder» von Maury Yeston, begleitet von impressiven winter-lichen Bildprojektionen.

Man schrieb die Jahre 1823 und 1824, in denen der deutsche Dichter Wilhelm Müller seinen zweiteiligen Gedichtzyklus «Die Winterreise» veröffentlichte. Liebeslyrik, in der ein von der Liebe schwer enttäuschter Mann auf seiner Reise durch eine kalte Winterlandschaft seinen trostlosen Gedanken und Erinnerungen nachhängt. Der Wiener Komponist Franz Schubert setzte 1827 diese Stimmungen in seinem gleichnamigen Liederzyklus um.
Verlassen in New York
164 Jahre später, nämlich 1991, liess sich Maury Yeston, amerikanischer Musicalkomponist, durch die «Winterreise» zu seinen «December Songs» inspirieren. Doch bei ihm ist es diesmal eine verlassene Frau, die durch das winterliche New York flaniert und ihren traurigen Gedanken nachhängt. Für den Kleinlützler Violinisten und Pianisten Jonathan Stich (28), mit Abschluss als Master of Music, war das zeitlose Thema der Kälte einer unerwiderten Liebe bei Frau und Mann Anreiz genug, die «Winterreise» und die «Dezemberlieder» auf der Bühne kontrastieren zu lassen. Was ihm am letzten Sonntagabend zusammen mit der Cellistin Cécile Grüebler, der Musicalsängerin Nadja Scheiwiller, dem Bariton Richard Helm und dem Fotokünstler Martin Staub auf das Vortrefflichste gelang.
Dezemberschnee und Liebesbriefe
Vor wechselnden winterlichen Wald-Projektionen stimmten Cellistin undPianist zu Beginn mit Dvoraks gefühlvoller «Waldesruhe» das zahlreiche Publikum auf die tiefen Gefühle einer enttäuschten Frau und eines ebenso geknickten Mannes ein. Im Song «Dezemberschnee» sang sich Nadja Scheiwiller als moderne New Yorker Frau vor winterlicher Hochhauskulisse durch den hohen Schnee: «Dichter Schnee fällt um mich her, fällt von fern und nah. Ich geh ganz allein hindurch. Du bist nicht mehr da!»
Und dass es auch in den 1820er-Jahren trotz etwas antiquiert anmutender Sprache in den Herzen nicht anders ausgesehen hat, bewies Opernsänger Richard Helm als Schuberts Mann im «Rückblick» auf die ihm einst «glühenden» zwei Mädchenaugen: «Kommt mir der Tag in die Gedanken, möchte ich noch einmal rückwärts seh’n. Möcht’ ich zurücke wieder wanken, vor ihrem Hause stille steh’n.»
Gebannt lauschte man in den Stuhlreihen den Träumen von Liebe, einer Post, die keine Briefe bringt, von Grossmutters mit Band umschnürten und sicher einst auch geküssten Liebesbriefen und von dem Traum, in dem sich alle Trauer in nichts auflöst.
Die schöne Sopran- und markante Bariton-Stimme, die Ausdruckskraft des «süssen und teilweise herben» Violoncellos, das einfühlsame Klavierspiel und die fantastischen grossen Fotos von Martin Staub wandelten am Schluss trübe Gedanken in ellenlangen begeisterten Applaus für einen ganz speziellen Sonntagabend um. Und mit etwas Zugabe-Balsam in Form von «Have yourself a Merry Little Christmas» ging männiglich glücklich auf den Heimweg.


