Die Detektei Laufental bekommt ein Gesicht

Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs, um Potenziale zu finden. Ab nächster Woche gewährt eine sechsteilige Serie Einblick in die laufenden Ermittlungen des NRP-Projekts.

Spurensuche: Ermittlungsbüro auf Bahnsteig 1. Foto: Patrick Neuenschwander

Spurensuche: Ermittlungsbüro auf Bahnsteig 1. Foto: Patrick Neuenschwander

Blick nach oben: Jonas Lenz wittert Potenzial, Tag und Nacht. Foto: Romana von Tana

Blick nach oben: Jonas Lenz wittert Potenzial, Tag und Nacht. Foto: Romana von Tana

Die Natur als Potenzial Nummer 1: Jonas Lenz erholt sich am Rande eines Rapsfeldes von seinen Ermittlungen. Foto: Romana von Tana

Die Natur als Potenzial Nummer 1: Jonas Lenz erholt sich am Rande eines Rapsfeldes von seinen Ermittlungen. Foto: Romana von Tana

Sommerserie: Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz

Nach Monaten im Unsichtbaren ist die Detektei Laufental am 1.-Mai-Markt erstmals an die Oberfläche geraten. Fast wie ein U-Boot, das die ganze Zeit schon da war, nur knapp unter der Wasserlinie.

Dabei hatte die Detektei, die im Laufental seit August 2025 nach Menschen, Orten und Geschichten mit besonderem Potenzial fahndet, längst sichtbare Spuren ausgelegt. Ein Büro im vielleicht schönsten Schaufenster des Laufentals. Darin: eine lange Schriftrolle, die über Nacht weiterwächst, ein geheimnisvoller Koffer und ein Firmenschild mit einem schwarz-weissen Logo: Hut, runde Brille, hochgestellter Kragen.

Lange blieb auch Jonas Lenz Teil dieser Inszenierung. Ein Konterfei ohne Gesicht. Eine Figur ohne Auftritt. Ein Gerücht mit Schaufenster.

Inzwischen ist klar: Lenz existiert tatsächlich. Er bewegt sich durchs Tal, fährt einen Piaggio Ape 50, trägt weisses Hemd, schwarzes Gilet, Nickel-Brille und neuerdings einen schwarzen Traveller-Hut. Je länger das Projekt dauert, desto stärker verschmelzen Figur und Logo miteinander. Manchmal scheint es fast, als habe sich das Signet selbstständig gemacht und sei aus dem Schaufenster gestiegen.

Eine Detektei zum Anfassen

Spätestens am Laufentaler Tag erhielt die Detektei ein zweites Gesicht: das ihres Dienstwagens. Vor dem Gymnasium Laufen abgestellt, entwickelte die Ape sofort eine erstaunliche Anziehungskraft. Regierungsrat Thomi Jourdan setzte sich ebenso ans Steuer wie Stadtpräsident Pascal Bolliger, Stadtrat Mathias Christ oder Gemeinderat Stephan Zahn. Im Cockpit strahlten sie alle um die Wette. Die Ape löste etwas aus, was sonst eher Kindern vorbehalten ist: das Wiederauftauchen eines alten Traums.

Tatsächlich scheint die Ape etwas zu können, was kein Kommunikationskonzept zuverlässig schafft. Während das Wort «Detektei» zunächst eine gewisse Distanz erzeugt, hebt die Ape diese Distanz sofort wieder auf. Sie macht neugierig, lädt zum Gespräch ein und erlaubt Probefahrten statt Vorurteile. Eine Detektei zum Anfassen.

Auf seinen Fahrten durchs Tal merkt Lenz zunehmend, dass die Detektei angekommen ist. Immer häufiger wird er angesprochen. Menschen haben einen Blogbeitrag gelesen, die Ape gesehen oder von einem Nachbarn von der Detektei gehört. Aus einzelnen Begegnungen werden Gespräche. Aus Gesprächen entstehen Spuren.

«Die Detektei Laufental bringt uns Einheimischen bei, genauer hinzuschauen», sagt der Laufner Stadtpräsident Pascal Bolliger. «Manchmal braucht es jemanden von aussen, der uns zeigt, was direkt vor uns liegt.»

Denken mit der Hand

Während viele Notizen heute direkt in Smartphones verschwinden, hält Lenz an einer älteren Technologie fest: Papier. Er schreibt noch immer von Hand. Denkt mit den Fingern. Notiert Beobachtungen, Originalzitate und sachdienliche Hinweise in sein rotes Journal. Inzwischen sind daraus über 250 Seiten geworden. Rohmaterial für das, was Lenz «narrative Ermittlungsnotizen» nennt. Berichte, die sich manchmal eher wie Kapitel eines Romans lesen als wie klassische Rechercheprotokolle.

Und Stoff dafür gibt es reichlich. Wer hätte gedacht, dass im Laufental ein 88-jähriger Wirt lebt, der gleichzeitig Hüter eines lebendigen Wirtshausmuseums ist? Dass in einer Werft historische Ruderboote nachgebaut werden? Oder dass ein moderner Alchemist im Wald Zutaten sammelt, um daraus mehr als zweihundert verschiedene Tinten herzustellen?

Das Laufental erweist sich als erstaunlich ergiebiger Tatort für positive Ermittlungen. Je länger, je mehr kommt sich Lenz vor wie ein Puzzlespieler, der einzelne Fundstücke zu einem Bild zusammenfügt.

Kriminalistische Geschichten

«Wir finden Potenzial, wo andere nur suchen», lautet das Motto der Detektei, die auch unerwartete Geschichten aufdeckt, die eher einer klassischen Detektei zugeordnet werden. So gerät Lenz regelmässig in kriminalistische Geschichten. Mehr als einmal führten ihn seine Recherchen in die Schachlete. Dorthin, wo 1910 ein Raubüberfall ein Menschenleben kostete. Dorthin, wo 1934 die Flucht zweier Bankräuber endete und ein Detektiv-Korporal erschossen wurde.

Und dorthin, wo Lenz schliesslich auf den Nachlass eines eigenwilligen Steinbildhauers stiess, dessen Werk über ein Jahrzehnt nach seinem Tod langsam in Vergessenheit geraten war. Auch diese Spur nahm die Detektei auf, nicht um einen Fall zu lösen, sondern um einem Menschen nachträglich etwas von seiner Würde zurückzugeben.

Sachdienliche Hinweise

Inzwischen ist Lenz mehr als fünfzig Spuren nachgegangen, hat im Blog der Detektei Laufental über dreissig Berichte veröffentlicht. Seit die Detektei öffentlich unterwegs ist, häufen sich die Hinweise. Kaum wird irgendwo ein Ermittlungsbüro aufgebaut — auf einem Dorfplatz, einem Bahnsteig oder am Rand eines Rapsfeldes —, tauchen neue Geschichten auf.

Die gute Nachricht: Im Laufental gibt es offenbar mehr Potenzial, als in einen einzigen Sommer passt. Die schlechte Nachricht: Die Ermittlungsphase dauert nur bis Ende September. Der Piaggio Ape 50 ist also weiterhin unterwegs. Noch.

Wer eine Geschichte kennt, die ans Licht gebracht werden sollte, oder ein verborgenes Potenzial vermutet, tut gut daran, sich rechtzeitig zu melden. Erfahrungsgemäss kommen die besten Hinweise, kurz bevor der Fall abgeschlossen scheint.

www.detektei-laufental.ch

«Manchmal braucht es jemanden von aussen, der uns zeigt, was direkt vor uns liegt.»

Zur Person

Mark Riklin, 1965, lebt im Appenzellerland (Speicher). Er ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern (16 und 18 Jahre). Riklin studierte an der Universität Konstanz Psychologie, Soziologie und Politologie. Anschliessend arbeitete er in Berlin als: Freier Journalist. Künstlerischer Leiter der «Stadt als Bühne». Initiant des ersten amtlichen Schatzsuchers in Rorschach. Amtsschreiber des ambulanten «Amt für Zuversicht». Begründer der «Meldestelle für Glücksmomente». Schweizer Landesvertreter des Vereins zur Verzögerung der Zeit. Leiter der «Agentur Passione». Dozent für Angewandte Soziologie.

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