Der Amazonas von Grellingen
Die Detektei hat in den letzten Wochen Fahrt aufgenommen. Immer häufiger erreichen Jonas Lenz Einladungen. Vor wenigen Tagen etwa zu einer Kanufahrt auf dem Moossee, dem einzigen See im Kanton Baselland. Ein schlummerndes Potenzial par excellence.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 4
Was wäre eine Detektei ohne sachdienliche Hinweise von Informanten. So erzählt die Literaturgeografin Barbara Piatti beiläufig von einer Schiffswerft in Grellingen, im Untergeschoss des Piatti-Archivs. Eine Werft? Ohne Hafen und ohne See? Im Laufental, wo man eher an Fabriken, Werkstätten oder Steinbrüche denkt als an Schiffsbau? Das muss sich Lenz unbedingt genauer ansehen.
Steiner Werft
Im Büttenen-Areal entdeckt er einen Katamaran mit der Aufschrift «Steiner Werft». In der Werkstatt trifft Lenz auf Marcellus Steiner, den Besitzer der Werft. Erst vor Kurzem wurde er aus dem Spital entlassen, noch wirkt er angeschlagen.
Der 53-Jährige erzählt von seinem ungewöhnlichen Weg: Bootbauer EFZ, Kunsthandwerker, Maler, mehr als zehn Jahre Indien. Von 2017 bis 2024 baute er in der Werft Holzboote nach eigenen Plänen. Keine Motorboote, kein Kunststoff, nur Holz. Esche, Kirsche, Roteiche, Weisstanne. Vom ersten Strich bis zum letzten Anstrich vergehen rund drei Monate.
«Eine Werft ohne See», hätten viele gespottet. Marcellus lächelt. Und doch gibt es ihn, den Moossee. Nur kenne den Stausee zwischen den beiden Kraftwerken Moos und Nenzlingen kaum jemand, dabei sei er der einzige See im Kanton.
Hintereingang ins Paradies
Ein paar Wochen später treffen sich Marcellus und Lenz an der öffentlichen Einwasserungsstelle am Birsackerweg. Wer den einzigen See des Kantons entdecken will, muss zuerst einen Anhänger und eine Leitplanke überwinden. Der Ort wirkt wie ein vergessener Hintereingang zu einem Naturwunder, das niemand bemerken soll.
Auf dem Boden liegt ein fünf Meter zwanzig langes Kanu. Ein Kunstwerk aus einheimischen Hölzern, gebaut in sechs Wochen Handarbeit. Gemeinsam heben sie den Kanadier auf einen Slipwagen und ziehen das River-Tandem an zwei namenlosen, im Gebüsch verstauten Schlauchbooten vorbei zu einem improvisierten Steg aus Holzpaletten. Dann gleiten sie aufs Wasser. Bereits nach wenigen Paddelschlägen verändert sich die Welt. Links und rechts schliesst sich das Grün über ihnen, die Ufer verwildern. Äste reichen bis übers Wasser. Kein Motorengeräusch, kein anderes Boot, nur das rhythmische Eintauchen der Paddel. Lenz kommt sich vor wie auf einem Seitenarm des Amazonas. Nicht wegen der Grösse. Sondern wegen des Gefühls, in eine Landschaft einzutauchen, die gleichzeitig wild, ursprünglich und erstaunlich unbekannt ist.
Natur mit Seltenheitswert
Je weiter sie Richtung Chessiloch paddeln, desto dichter scheint der Urwald zu werden. Marcellus kennt die Birs wie andere ihre Nachbarschaft. Schon als Kind verbrachte er jede freie Minute am Fluss. Lange bevor er laufen konnte, sass er bereits im Schlauchboot seines Vaters.
Heute zeigt er Lenz seine Birs. Dort ein Graureiher. Weiter vorne ein Kormoran. Eine Ringelnatter durchschneidet die Wasseroberfläche. Ein Schwarm Barben zieht unter dem Boot vorbei. Zwergtaucher. Ein Rotmilan kreist über ihnen. Libellen. Mönchsgrasmücken. Und plötzlich schiesst ein Eisvogel wie ein türkisfarbener Pfeil übers Wasser.
Vom Wasser aus zeigt sich das Laufental von einer Seite, die selbst viele Einheimische noch nie gesehen haben. Für einen kurzen Moment vergisst Lenz, dass er sich im Baselbiet befindet.
Ein schlummerndes Potenzial
Der Kanadier gleitet unter zwei Eisenbahnbrücken hindurch. Die Strömung nimmt leicht zu, je näher sie dem oberen Kraftwerk kommen. Nach rund zwei Kilometern wenden sie. Am Zusammenfluss von Ibach und Birs steigen sie aus. Marcellus erzählt von seiner Chessiloch-Barke, einem historischen Ruderboot aus Lärchen- und Robinienholz, gerudert im Stehen wie in Venedig.
Vor zwei Jahren bot er damit anlässlich des Jubiläums «750 Jahre Grellingen» Rundfahrten an. Die Reaktionen seien überwältigend gewesen. «Jetzt wohne ich mein ganzes Leben hier und wusste nicht, wie schön es hier ist», habe eine ältere Frau nach der Fahrt gesagt. Für Lenz ist dieser Satz die eigentliche Erkenntnis des Tages. Potenziale schlummern oft nicht deshalb, weil sie verborgen wären, sondern weil kaum jemand hinschaut.
Ein unerledigter Fall
Marcellus erzählt, dass das befristete Projekt leider nicht verlängert wurde. Trotz einer Petition, die viele Grellinger unterschrieben haben, musste der mit viel Liebe gezimmerte Barkensteg wieder abgebaut werden. Die Chessiloch-Barke, die gebaut wurde, um Menschen das Laufental zu zeigen, fährt heute ironischerweise auf dem Zürichsee. Für Marcellus eine verpasste Chance, für Lenz ein unerledigter Fall.
Lenz und Marcellus steigen wieder ins Kanu und paddeln flussabwärts, der linken Uferseite entlang. Im unteren Teil des Moossees nehmen private Stege und Boote ohne Nummern zu, sind öffentliche Uferzonen zu Lenz’ Erstaunen privatisiert.
Zurück an der Einwasserungsstelle hieven sie den Kanadier wieder auf den Slipwagen. Inzwischen habe er seine Werkstatt aufgrund einer Autoimmunerkrankung an seinen Geschäftspartner Jörg Löffler übergeben, da er nicht mehr selbst im Betrieb arbeiten könne. Es gebe Tage, an denen ihm schon das Aufstehen schwerfalle. Heute sei ein guter Tag, der erste in diesem Jahr auf dem Wasser.
Beim Abschied blickt Lenz noch einmal über den stillen Moossee. Der einzige See des Kantons. Ein Ort von erstaunlicher Schönheit. Ein Amazonas im Kleinformat. Vor allem aber ein Potenzial, das noch immer schlummert. Nicht, weil es fehlt. Sondern, weil es erst noch entdeckt werden will.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch.
«Schon als Kind verbrachte ich jede freie Minute an der Birs.»
Detektei Laufental
Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Eine sechsteilige Serie gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.








