Das Storchengeheimnis von Brislach
Neben Einladungen und sachdienlichen Hinweisen sind es manchmal auch glückliche Zufälle, die den Blick auf ungeahnte Potenziale lenken. So wie kürzlich in Brislach, als Jonas Lenz auf der Suche nach einem freien Hotelzimmer eine überraschende Entdeckung macht.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 5
Mitten im Hochsommer im Laufental ein freies Bett zu finden, ist schwieriger, als einen Täter aufzuspüren. Das Hotel Central in Laufen ist seit kurzem geschlossen, der «Röschenzerhof» macht Betriebsferien, andere Häuser haben Ruhetag. Nach mehreren Telefonaten landet Jonas Lenz schliesslich im Gasthof zum Kreuz in Brislach.
Staffelübergabe auf dem Kirchendach
Empfangen wird Lenz von Gastgeberin Sandra Grolimund, die ihn auf direktem Weg ins Zimmer 8 im Erdgeschoss führt, wo vor der Erweiterung des Gasthofs die alte Dorfschenke war. Weshalb ausgerechnet Nummer 8, obwohl das Haus offiziell nur sieben Gastzimmer zählt, bleibt vorerst ein Rätsel.
Kaum angekommen, setzt sich Lenz an den Schreibtisch und verarbeitet bei offenen Fenstern die Eindrücke der vergangenen Tage, als ihn ein lautes Klappern auf die Dächer der Kirche blicken lässt. Erst jetzt entdeckt er, dass mit der Abenddämmerung Störche im Anflug sind und auf dem Dachgiebel Platz genommen haben.
Lenz stellt sich ans Fenster und bestaunt die schwarz-weissen Zugvögel, 13 an der Zahl. Schwarz-weiss, in den Farben der Detektei, schmunzelt Lenz. Einer der Störche beginnt zu klappern. Kurz darauf antwortet ein zweiter, dann ein dritter. Das Geräusch wandert über die Dächer wie eine Staffelübergabe. Hin und wieder erhebt sich einer in die Luft, dreht eine Ehrenrunde und landet wenige Meter weiter. Offenbar herrscht auch unter Störchen eine Rangordnung.
Storchensprache
Lenz beginnt zu recherchieren. Das Klappern entsteht, indem Ober- und Unterschnabel zehn- bis zwölfmal pro Sekunde aufeinanderschlagen. Den Resonanzraum bildet nicht ein Geigen- oder Cellobauch, sondern die gespannte Kehlhaut. Nach dem Besuch beim Bootsbauer und dem Geigenbauer entdeckt Lenz nun den Kehlkopf als Resonanzkörper. Das passt erstaunlich gut zu seinen bisherigen Ermittlungen. Immer häufiger stösst er auf Menschen und Tiere, die Resonanz erzeugen.
Auch farblich scheint sich der Fall zu verdichten. Schwarz-weiss tragen nicht nur die Störche. Auch die Gastgeberin erscheint in einem schwarzen Oberteil. Lenz trägt wie immer sein schwarzes Gilet zum weissen Hemd. Fast wirkt es, als hätte Brislach für diesen Abend einen Dresscode beschlossen.
Junggesellen-Party
Beim Frühstück setzt sich Sandra Grolimund zu Lenz und erzählt von ihrer Faszination für die Störche. «Vor etwa zehn Jahren sind sie plötzlich aufgetaucht und sofort meine Freunde geworden», sagt sie und blickt nach oben. «Meine Adler.»
Jeden Frühling beginne dasselbe Warten, erzählt Grolimund. Und dann, meist ganz plötzlich, seien sie wieder da. Von einem Tag auf den anderen. Fast wie Stammgäste, die nie reservieren und trotzdem jedes Mal denselben Tisch beanspruchen. Einmal habe sie 21 Störche gezählt. Lenz rechnet kurz nach. 1794 Einwohner, 21 Störche. Fast ein Storch auf 85 Menschen, eine beachtliche Quote.
Was Grolimund seit Jahren wundert: Weshalb die Tiere keine Nester bauen. Und weshalb zwei vorbereitete Horste beim Lüttenhof unbenutzt bleiben. Ein ungelöstes Rätsel. Ihre Lieblingshypothese gefällt Lenz sofort. «Ich glaube, das sind alles Junggesellen.» Eine reine Männer-WG. Rastlos, unverbindlich und ohne Bauabsichten.
Grenze zwischen zwei Welten
Je länger Lenz im Gasthof zum Kreuz verweilt, desto deutlicher erkennt er, weshalb solche Gasthöfe für ein Tal mehr sind als blosse Übernachtungsorte. Sie sind Empfangsschalter, Dorfchronik, Auskunftsbüro und Wohnzimmer zugleich. Wer hier einkehrt, erhält nicht nur ein Zimmer, sondern oft auch eine gute Geschichte.
Inzwischen ist auch Bruder Roland aufgetaucht und beginnt in der Küche mit den Vorbereitungsarbeiten fürs Mittagessen. Weisses Shirt, schwarze Hosenträger, ebenfalls schwarz-weiss. Die beiden Geschwister haben den traditionsreichen Familienbetrieb vor 13 Jahren von ihren Eltern übernommen. Und ergänzen sich spiegelbildlich: Sie liebt die Vorderbühne, den Kontakt mit den Gästen. Er bevorzugt die Hinterbühne, wo er seine Ruhe hat. Die Schwelle dazwischen bildet eine Grenze zwischen zwei Welten, ganz ähnlich wie bei der Brücke Angenstein.
Lenz denkt an seine Detektei. Auch sie lebt davon, dass Menschen ihre Türen öffnen, ihr Wissen teilen und bereit sind, kleine Beobachtungen ernst zu nehmen. Potenziale entstehen selten allein. Meist sind sie Teamarbeit.
Beobachtungshorst
Eigentlich wollte Lenz bereits am Morgen weiterziehen. Doch manchmal sind Pläne in erster Linie dazu da, damit man überhaupt von ihnen abweichen kann. Lenz verlängert seinen Aufenthalt bis in den späten Nachmittag hinein. Nicht wegen des Zimmers. Wegen der neuen Episode, die fürs «Wochenblatt» am Entstehen ist.
Beim Abschied zieht die Gastgeberin hinter einem Bilderrahmen eine grosse Storchenfeder hervor. Tiefschwarz, mit weissen Federfahnen am Kiel. «Heute Morgen vor dem Fenster des Zimmers Nummer 8 gefunden», schmunzelt sie.
Lenz steckt sie sorgfältig in sein rotes Journal. Sein schlummerndes Interesse an Vögeln ist endgültig erwacht. Und ganz nebenbei löst sich auch das Rätsel um Zimmer Nummer 8. Das Haus besitzt tatsächlich nur sieben Gästezimmer. Das achte Zimmer liegt unter dem Dach. Eine kleine Mansarde. Einst das Zimmer der Serviertöchter, heute ein schlichtes Gästezimmer mit dem wohl schönsten Ausblick auf die Dachgiebel der Nachbar-häuser. Lenz lächelt. Beim nächsten Besuch wird er nicht lange überlegen. Ein Detektiv braucht kein Luxushotel, ein guter Beobachtungshorst genügt.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch
«Die Störche von Brislach sind meine Freunde, meine Adler.»
Detektei Laufental
Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Eine sechsteilige Serie gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.








