Aus dem Heimatboden gestampft
Eine Lagerhalle mit der Kraft einer romanischen Kirche: Das neue Kräuterzentrum aus gestampftem Lehm zeigt, wo Ricola ihre Wurzeln hat.

Als er sich unbeobachtet fühlte, tat er es. Der Mann im schwarzen Anzug umarmte die neue Ricola-Lagerhalle. Schmiegte seine Wange an die Lehmwand. Und kostete ein klitzekleines Stück davon. Wer denkt, das sei nun doch etwas schrullig, dem muss das Wochenblatt widersprechen. Bei der Einweihung des Laufner Kräuterzentrums konnten am Freitag viele Besucher beobachtet werden, die mit den Fingern über die Lehmwand strichen, sie richtiggehend streichelten.
Gut, der Wahrheit zuliebe soll noch erwähnt werden, dass es auch die Bodenständigen gab. Diejenigen, die im Kräuterzentrum nichts als eine Lagerhalle sahen. Oder diejenigen, die unbedingt wissen wollten, wie viel teurer diese Aussenhülle aus Stampflehm gegenüber einer Wellblechwand ist. Sie liessen nicht locker und bohrten immer wieder. Doch sie erfuhren nur, dass der ganze Bau 16 Millionen gekostet hat. Felix Richterich, Vorsitzender der Geschäftsleitung, liess sich keine weitere Zahl entlocken; ebenso wenig sein Bruder Lukas Richterich, Präsident der Baukommission. Und zu Recht. Denn das neue Ricola-Kräuterzentrum ist wohl eine praktische Lagerhalle, doch sie ist auch eine Aussage.
Die Gebäudehülle ist aus einem gestampften Erdgemisch gebaut. Der Lehm stammt aus der nahen Tongrube, der Mergel aus Liesberg, der Kies aus Büsserach. Das Kräuterzentrum ist somit ein Stück Heimatboden. «Ricola bekennt sich mit dem Bau zu Laufen», erklärte Lukas Richterich. Alle sechs Milliarden Bonbons, die in der Schweiz und in 50 weiteren Ländern gelutscht werden, werden in Laufen hergestellt. Noch, muss man sagen. «Wir wissen nicht, ob wir im Hinblick auf den starken Schweizer Franken immer alle Produktionsprozesse in der Schweiz halten können», verkündete Felix Richterich.
Regen dichtet ab
Im Kräuterzentrum werden im Jahr 240 Tonnen getrocknete Kräuter angeliefert, gereinigt, geschnitten und gelagert. «Und nach der Geheimrezeptur gemischt», erläuterte Felix Richterich in seiner Ansprache … und musste dabei selber lachen. Denn der ganze Anlass war von einer Zürcher Agentur durchgestaltet, und manchmal gingen ihr die Pferde durch. Sie wurde nicht müde zu betonen, dass es sich beim Kräuterzentrum um Europas grössten Lehmbau handle. Mit seiner Länge von 100 Metern ist es zwar imposant, gegen die Alhambra und andere südspanische Burgen kommt es indes nicht an. Nein, das Kräuterzentrum ist in Europa nicht der grösste Lehmbau, sondern der grösste der Moderne.
Befürchtungen, der Regen könnte die Lehmwände zerstören, zerstreute Martin Rauch, der sie mit seiner Firma baute. «Wenn die Wände nass werden, quillt die äusserste Lehmschicht und schützt die tieferen Schichten», erklärte er. Nach zwanzig Jahren werden sie etwa drei Zentimeter erodiert sein, was bei einer Gesamtdicke von 45 Zentimetern verkraftbar sei. Diese dicke Gebäudehülle sorgt dafür, dass es im Inneren des Kräuterzentrums im Sommer schön kühl bleibt. Davon konnten sich die Gäste während der Referate überzeugen.
Würdevolle Lagerhalle
Exakt eine Stunde dauerten die Reden der Richterichs, des Architekten Pierre de Meuron, des Lehmbauers Martin Rauch und des Regierungspräsidenten Urs Wüthrich. So lange wie eine katholische Festmesse. Und wie in einer romanischen Kirche fühlte man sich auch in der Halle, vor dem grossen runden Fenster. Das ganze Gebäude hat innen wie aussen etwas Ursprüngliches, ja Feierliches. Felix Richterich sprach denn auch von der Mystik der Kräuter, von ihrer Magie, was wieder ein bisschen nach Zürcher Agentur tönte. Doch, ja, das Kräuterzentrum ist ein Symbol der Firmenkultur und ein gelungener Werbeträger. Und zudem eine Lagerhalle, was ganz praktisch ist.


