«Erzähle seit 10 Jahren das Gleiche»: Der lange Weg zur Inklusion

Als erste Gemeinde in der Schweiz hat Münchenstein ein kommunales Reglement zur Behindertengleichstellung. Nun soll ein runder Tisch zeigen, was die Gemeinde schon kann und was noch nicht.

Wie steht es um die Inklusion in der Gemeinde? Diese Frage wurde an den drei Tischen diskutiert.Foto: zvg / Gemeinde Münchenstein
Wie steht es um die Inklusion in der Gemeinde? Diese Frage wurde an den drei Tischen diskutiert.Foto: zvg / Gemeinde Münchenstein

«Oh, das ist der Schluss, den brauchen wir noch nicht», sagt Nicole Sourt Sánchez lachend. Am Laptop bedient sie die Powerpoint-Präsentation. Den falschen Slide hat sie sofort erkannt. Immer wieder fährt Sánchez mit ihren Händen über die Tastatur ihres Laptops; daran montiert ist ein Braille-Modul. Dieses übersetzt die grafische Darstellung vom Bildschirm des Laptops in Echtzeit in taktile Blindenschrift. Den Fehler – den falschen Slide auf dem Beamer – erkennt Sánchez damit schneller als das Publikum.

Sánchez ist an diesem Donnerstagabend in ihrer Funktion als Co-Geschäftsleiterin des Vereins Sensability im Kuspo in Münchenstein anzutreffen. Durchgeführt wird ein sogenannter Inklusionscheck für Behindertengleichstellung. Aus dem Zusammentreffen von politischen Würdenträgern, betroffenen Personen sowie Expertinnen und Experten sollen Probleme und Stärken der Gemeinde identifiziert werden. Rund zwanzig Personen nehmen an der Veranstaltung teil. Darunter sind auch die Münchensteiner Gemeindepräsidentin Jeanne Locher (SP), der Geschäftsführer des Behindertenforums beider Basel Georg Mattmüller und Joëlle Gruner, Heilpädagogische Leiterin an der Heilpädagogischen Schule in Münchenstein.

Münchenstein mit nationaler Vorreiterrolle

In drei Gruppen wird an den runden Tischen die Lage in der Gemeinde eingeschätzt. Dabei stellt sich heraus: Münchenstein hat bereits Inklusionsangebote, nur weiss niemand davon. Etwa übernimmt Münchenstein bei Gemeindeversammlungen die Kosten für einen Dolmetscher in Gebärdensprache – so ist es im Reglement vorgesehen. Auf der Einladung steht das nicht. Auch die Zugänglichkeit von öffentlichen Bauten wie dem Jugendhaus oder dem Werkhof und die offizielle Kommunikation der Gemeinde sind ein Thema. Dabei nimmt man sich vor, etwa Baustelleninformationen zukünftig in leichter Sprache zu verfassen.

Anfang 2024 trat das neue Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) im Kanton Baselland in Kraft. Dieses sieht nicht nur den Kanton, sondern auch die Gemeinden in der Pflicht, Gleichstellung sicherzustellen. Münchenstein hat sich daraufhin als erste Gemeinde in der ganzen Schweiz ein kommunales Reglement zur Behindertengleichstellung auferlegt. «Daraus haben wir eine Behindertenkommission einberufen», erklärt Andreas Iten, Leiter der Bevölkerungsdienste.

Eine Signalwirkung bis ganz nach oben

In Zusammenarbeit mit dem Verein Sensability, der sich auf Standortbestimmungen, Schulungsprogramme und Beratung im Bereich Inklusion spezialisiert, soll aus diesem Abend und einem in der Gemeindeverwaltung ausgefüllten Fragebogen ein Bericht entstehen. «Dieser wird der Kommission als Arbeitsgrundlage dienen», erklärt Dieter Rehmann, zuständiger Gemeinderat für Soziales.

Damit solle ein flächendeckender Zugang möglich werden. «Wir wollen nicht nur punktuelle Partikularinteressen umsetzen», betont Rehmann. Rund 12000 Franken hat der Inklusionscheck die Gemeinde gekostet. Bewilligt wurde dies durch den Gemeinderat, der, so Rehmann, das Geld einstimmig gesprochen habe. «Politisch holen wir uns damit keine Lorbeeren ab, aber in einer modernen Gemeinde gehört das dazu.»

«Eigentlich erzähle ich seit zehn Jahren das Gleiche», sagt Andrea von Büren. Die Münchensteinerin sitzt im Rollstuhl und ist als direkt Betroffene Teil der neunköpfigen Behindertenkommission. Neben ihrer neuen Tätigkeit als Kommissionsmitglied ist sie ebenfalls Teil des Vereins Sensability und leistet dort seit langem Aufklärungsarbeit. «Gemeinden sind im Prozess der Inklusion fast die wichtigste Instanz», sagt sie. Einerseits, da Kommunalentscheide die grösste Auswirkung auf den Alltag betroffener Personen hätten, andererseits auch, weil konkrete Massnahmen als Praxisbeispiele für Kanton oder gar Bund dienen könnten.

«Dass unsere Gemeindepräsidentin unsere Anliegen versteht, macht mich auch stolz», sagt von Büren. Sie hofft, dass die Vorreiterrolle, die Münchenstein einnimmt, eine Signalwirkung nach aussen hat.

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