Weit mehr als nur eine Beiz:das «Ritrovo» am Schlosshof

Für die vielen zugewanderten italienischenArbeitskräfte und deren Familien, die ab den 1950er-Jahren in dieRegion kamen, war das «Ritrovo» ein Fleck Heimat mitten in Aesch.

Gastfreundschaft wurde grossgeschrieben: Familie Gusmini bewirtete das «Ritrovo» über viele Jahre hinweg. Fotos: zVg/Heimatmuseum aesch

Gastfreundschaft wurde grossgeschrieben: Familie Gusmini bewirtete das «Ritrovo» über viele Jahre hinweg. Fotos: zVg/Heimatmuseum aesch

Heimelig: Das «Ritrovo» war für die italienischen Gastarbeiter ein wichtiger Treffpunkt.

Heimelig: Das «Ritrovo» war für die italienischen Gastarbeiter ein wichtiger Treffpunkt.

Betrat man vergangenen Sonntag das Heimatmuseum, so bot sich einem zuerst einmal der Blick eines fast bis auf den letzten Stuhl besetzten Museumsbeizlis. Doch die servierten Antipasti waren nicht die Hauptattraktion, sondern viel mehr das Begleitprogramm zu einem kurzen Film, der im Alice-Meyer-Saal in Dauerschlaufe gezeigt wurde. Das Thema, das wohl ebenfalls für den grossen Publikumsandrang verantwortlich gewesen sein dürfte, war nämlich die italienische Zuwanderung nach Aesch. Sinnbildlich dafür stand das «Ritrovo», das als wichtiger Treffpunkt für die damalige italienische Community nicht aus dem Alltag wegzudenken war. Der Geschichten rund um die «Italiener-Beiz» sowie der allgemeinen italienischen Zuwanderung nach Aesch nahm sich eine neue Ausgabe der Reihe «Zytzüüge» an, die vom Heimatmuseum zusammen mit der Bürgergemeinde und der Einwohnergemeinde konzipiert und von regioTVplus umgesetzt wurde.

Doppelte Integration

Eine prägende Rolle für den Zusammenhalt und die Integration der italienischen Zuwanderinnen und Zuwanderer spielte die Regionalkommission Birseck der Missione Cattolica Italiana, die in vielen Bereichen als Vermittlerin und Bindeglied zwischen den Zugezogenen und den hiesigen Ämtern und Behörden einsprang. Ein ehemaliger Vorsitzender war Adriano Zanoni, der im Filmbeitrag als Erstes zu Wort kommt. In Bezug auf die Integration betont er einen interessanten Punkt: «Wir haben sozusagen die doppelte Arbeit gemacht.» Denn durch den Einwanderungsprozess wurden die Menschen aus den unterschiedlichen Regionen, die sich davor beispielsweise in erster Linie als Sarden, Neapolitaner oder Sizilianer verstanden, zu einer gemeinsamen italienischen Community.

Die verschiedenen Familien, die auch unterschiedliche Dialekte sprachen, wurden so einerseits untereinander geeint, während gleichzeitig andererseits die Integration in der Schweiz Stück für Stück vorangetrieben wurde. Ein wichtiges Lokal zu dieser Zeit war das «Ritrovo», was auf Deutsch genau das bedeutet, als was es auch fungierte: ein Treffpunkt. Hier konnte man nach der Arbeit einkehren, etwas trinken, zusammen Karten spielen, und dreimal wöchentlich wurden Spielfilme gezeigt, welche die Besucherinnen und Besucher die gemeinsame italienische Heimat etwas näher haben fühlen lassen, erzählt Silvia Caracuta-Gusmini, deren Eltern das «Ritrovo» in den Jahren von 1961 bis 1977 geführt haben. Ihr Vater wurde für sein Engagement sogar mit dem italienischen Ritterorden ausgezeichnet.

Das «Ritrovo» existierte noch bis in die 1990er-Jahre unter verschiedenen Pächtern weiter, auch wenn es zwischenzeitlich vereinzelt Gegenwind aus der Bevölkerung gab, den man im Kontext der umstrittenen «Schwarzenbach-Initiative» gegen «Überfremdung» betrachten muss, worüber im Jahr 1970 abgestimmt wurde. So hatte man sich beispielsweise in einem aufgeladenen Schreiben an den Gemeinderat über das mehrfache Ignorieren der Hausordnung beschwert und sogar mit Selbstjustiz gedroht.

Schlussendlich konnten die Wogen aber stets geglättet werden, erinnerte sich Caracuta-Gusmini und meinte nach der Vorstellung gegenüber dem Wochenblatt: «Der Film ist eine schöne Anerkennung für mich und meine Familie, aber auch für die ganze italienische Gemeinschaft hier in Aesch – das freut mich natürlich.»

Anschliessend steuerte der Aescher alt Gemeinderat Rolf Huber noch eine abschliessende Anekdote bei, der davon erzählte, dass sie die Sitzungen damals auch ab und an im «Ritrovo» haben ausklingen lassen: «Wir fühlten uns immer sehr willkommen und mussten uns stets ein bisschen ins Zeug legen, dass wir auch bezahlen durften und nicht immer nur eingeladen wurden», sagte er schmunzelnd über die Gastfreundschaft im «Ritrovo».

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