Puzzleteile einer lebendigen Gastgeber-Kultur

Nach den Industriearealen und den Manufakturen richtet sich Lenz’ Blick auf die Übernachtungsmöglichkeiten im Laufental. Er entdeckt eine überraschende Vielfalt, aber auch eine Lücke. Wie lassen sich die einzelnen Angebote zu einer gemeinsamen Gastgeber-Kultur verbinden?

Szene aus der Fantasie «Albergo Diffuso»: Gastgeberin Lilli Kuonen fordert Jonas Lenz zu einer Partie Billard heraus. Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Szene aus der Fantasie «Albergo Diffuso»: Gastgeberin Lilli Kuonen fordert Jonas Lenz zu einer Partie Billard heraus. Foto: PATRICK NEUENSCHWANDER

Puzzleteil 1: Der Röschenzerhof in Röschenz – Kunst am Bau: Brunnenskulptur «Wasserläufer» des Architekten und Künstlers Werner Gerber. Foto: ROMANA VON TANA

Puzzleteil 1: Der Röschenzerhof in Röschenz – Kunst am Bau: Brunnenskulptur «Wasserläufer» des Architekten und Künstlers Werner Gerber. Foto: ROMANA VON TANA

Puzzleteil 2: Der Gasthof zum Kreuz – Traditionsbetrieb der Familie Grolimund mit ausgeprägter Gastgeber-Kultur. Foto: MARK RIKLIN

Puzzleteil 2: Der Gasthof zum Kreuz – Traditionsbetrieb der Familie Grolimund mit ausgeprägter Gastgeber-Kultur. Foto: MARK RIKLIN

Puzzleteil 3: Das Business-Hotel Riverside in Duggingen – 44 Zimmer, 80 Betten und Balkone direkt an der Birs.Foto: MARK RIKLIN

Puzzleteil 3: Das Business-Hotel Riverside in Duggingen – 44 Zimmer, 80 Betten und Balkone direkt an der Birs.Foto: MARK RIKLIN

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Puzzle 3

Jonas Lenz hat einen Traum: Eines Tages möchte er Hoteltester werden. Nicht einer von jener Sorte, die Matratzenhärte und Frühstücksbuffet mit Punkten bewertet. Ihn interessiert vielmehr das Hotel als Bühne des Alltags: Wer kommt hier an? Welche Geschichten sammeln sich hinter den Zimmertüren? Und was macht eine gute Gastgeberin, einen guten Gastgeber aus? Als Spurenleser der Detektei Laufental kann er seinem Traum nun ein Stück näherkommen.

Die Hinterbühne

In einer ersten Ermittlungsphase steigt Lenz meist im Hotel Central ab und bucht die Suite «Laufen». Für einen theater-affinen Menschen ein nachhaltiges Erlebnis. Der Speise- und Bankettsaal wird immer wieder zur Bühne für kulturelle Veranstaltungen, der Frühstücksraum «Chez Claude» zur Garderobe. Und die Suite selbst fühlt sich an wie die Hinterbühne eines Laientheaters, auf der sogleich ein Stück von Dürrenmatt geprobt wird.

Ein Mobiliar-Ensemble, das ebenso gut in ein Gemeindehaus oder einen Pfarrsaal passen könnte. Bilder, die schief an den Wänden hängen, als hätten sie sich im Laufe der Jahre in Richtung Schwerkraft ergeben. Ein violetter Frottee-Vorhang, der Salon und Schlafzimmer verbindet. Und drei Tische, auf denen Lenz seine Recherchen organisiert. Drei Arbeitsflächen für drei Modi: Sammeln, Auswerten, Schreiben.

Der Traum vom Hoteltester

Schon vor zwanzig Jahren hatte Lenz als Mitarbeiter der Storyfactory seine Faszination für Hotels entdeckt. Im Schlosshotel Romanshorn hörte er Gästen als Hofschreiber im Samtrock (1750) beim Abendessen zu, schrieb eine Episode aus ihrem Leben auf, verarbeitete sie nachts zu einem Text und servierte ihn zum Frühstück als Schriftrolle auf dem Silbertablett, wie ein Frühstücksei.

Nun bietet ihm die Detektei eine neue Versuchsanordnung: Lenz testet im Laufental Übernachtungsmöglichkeiten. Hotels im engeren und weiteren Sinn, einen Gasthof, ein Velodach und an den Rändern des Tals auch einmal ein Zelt.

Die Einzelteile

Die Vielfalt überrascht: Da ist der Rö-schenzerhof mit seiner Kunst am Bau und dem Spa. Der Gasthof zum Kreuz in Brislach, ein Familienbetrieb mit Beobachtungshorst auf das Storchengeheimnis des Dorfes. Das Moulin Neuf in Roggenburg, ein Offline-Hotel mit Bioküche. Und das Business-Hotel Riverside in Duggingen mit 44 Zimmern, 80 Betten und Balkonen direkt an der Birs. Vier verschiedene Antworten auf die Frage, wie man Gäste beherbergen kann.

Auch die Parahotellerie hält Fundstücke bereit: das Strohlager auf dem Gehrenhof mit 30 Schlafplätzen, B&Bs in Roggenburg oder Röschenz sowie die Netzwerke Warmshowers und Velodach, in denen sich Veloreisende gegenseitig beherbergten. Gastfreundschaft braucht nicht immer eine Rezeption. Manchmal reichen ein freies Zimmer und eine warme Dusche.

Die Summe stimmt, das Ganze fehlt

Allen Warnungen zum Trotz: Es gibt mehr Betten, als Lenz zunächst vermutet. 167 sind es, Lenz hat nachgezählt. Mit der Schliessung des Hotels Central im Juni 2026 fallen 37 weg. Es bleiben 130. Die Mathematik ist einfach, die Folgen weniger. Gerade in Laufen wird die Bettsuche zur Ermittlungsarbeit.

Wer beklagt, das Laufental sei bloss Transitland, muss auch Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Gäste sollen nicht nach Aesch, Mariastein oder Breitenbach ausweichen müssen, wenn sie das Tal als «Entdeckerregion für Kurzferien und Tagesausflüge» erleben möchten. Die Betten sind nicht einfach nicht da. Sie sind zu wenig sichtbar, zu wenig bewusst und zu wenig miteinander verknüpft. Darin steckt Standortpotenzial.

Das verstreute Hotel

Bis 2030 soll das ehemalige Bezirksgefängnis in Laufen zu einer Herberge mit 16 bis 20 Zimmern umgebaut werden. Eine willkommene Ergänzung. Doch bis dahin Däumchen drehen? Keine Option. Lenz sucht nach einer kleineren, rascher umsetzbaren Idee und stösst dabei auf das «Albergo Diffuso», das verstreute Hotel. Eine italienische Idee: Nicht ein einzelnes Gebäude beherbergt die Gäste, sondern mehrere bestehende Häuser im Dorf. Zimmer hier, Frühstück dort, die Rezeption an einem dritten Ort. Die Gäste wohnen mitten im Ort und werden Teil des lokalen Lebens.

Lenz lässt die Buchstaben der beiden Wörter auf der Zunge zergehen, jeden einzelnen. Albergo Diffuso. Schon der Klang hat etwas von Ferien. Doch wie könnte das im Laufental aussehen? Mit Lilli Kuonen, der Präsidentin des Museums Laufental, spielt er die Idee durch. Zusammen mit ihrem Mann hat sie am Rebenhöheweg in Laufen zwei Töchter grossgezogen. Inzwischen lebt sie allein im grossen Haus und könnte sich vorstellen, bei einem Albergo Diffuso mitzumachen.

Ein Hotel zum Erleben

Am Küchentisch spinnen die beiden die Idee weiter. Bei Lilli könnte ein Gast im Garten mithelfen. Oder die Gastgeberin zu einer Partie Billard herausfordern. Im Winter wird der Kachelofen eingeheizt und über die Potenziale des Laufentals philosophiert. Am nächsten Tag führt Kuonen persönlich durchs Museum Laufental oder empfiehlt einen Spaziergang in den nahen Wäldern. Das Angebot würde um die Gastgeberin herum entstehen, um ihre Interessen, ihre Geschichten und ihre Möglichkeiten.

Lenz blickt auf den Billardtisch. Die Kugeln liegen verstreut auf dem grauen Tuch, wie die einzelnen Zimmer eines Albergo Diffuso in einem Dorf. Er stellt sich vor, wie ein Gast nach dem Abendessen den Queue in die Hand nimmt. Aus dem Fremden wird ein Mitspieler, aus der Übernachtung eine Begegnung. Da fügt sich etwas zusammen: die einzelnen Betten, die unterschiedlichen Häuser, die Menschen mit ihrer je eigenen Gastgeber-Kultur. Die Summe wird zum Ganzen, wenn die Teile miteinander verbunden werden.

Ein Albergo Diffuso verteilt nicht einfach Betten. Es verteilt Möglichkeiten. Und vielleicht beginnt es nicht mit einem Hotel, sondern mit einer Gastgeberin, die etwas zu erzählen hat und die man zum Billard herausfordern kann. Der Billardtisch steht schon bereit.

«Ein Albergo Diffuso verteilt nicht einfach Betten. Es verteilt Möglichkeiten.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental hat der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin einen Sommer lang als Spurenleser Jonas Lenz das Laufental durchstreift, Schätze gesucht und Spuren freigelegt. Die Serie im Wochenblatt hat in elf Episoden Einblick gegeben in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

Nun beginnt eine neue Phase der Detektei Laufental: Jonas Lenz wird mehr und mehr zum Puzzlespieler, der einzelne Fundstücke verbindet, nach Mustern sucht und daraus ein grösseres Bild formt. Drei neue Folgen zeigen die Erkenntnisse dieses Versuchs, bevor die Wochenblatt-Serie am Donnerstag, 5. November 2026, ab 19.00 Uhr im Stellwerk Bahnhof Laufen ausgestellt wird.

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