Immer halb auf dem Sprung
Rund 1100 Kinder hat Bibiana Sommer als Hebamme auf die Welt begleitet. Ende letzter Woche hat sie dieses Kapitel geschlossen. Fast vier Jahrzehnte lang war sie für Frauen und Familien da. Nun beginnt für sie ein Leben ohne Pikett.

Dittingen
Bibiana Sommer ist im Laufental eine Institution. Seit 1991 arbeitet sie hier als Hebamme. Sie hat Frauen durch Schwangerschaft und Wochenbett begleitet und war bei der Geburt ihrer Kinder dabei. Auch die Autorin dieses Porträts hat Bibiana bei ihren drei Kindern betreut. Manche der Kinder, denen sie auf die Welt geholfen hat, sind inzwischen selbst Eltern. Bei einigen hat Bibiana auch die nächste Generation betreut.
«Am Start des Lebens dabei zu sein.» So beschreibt Bibiana Sommer, was sie am Hebammenberuf von Anfang an faszinierte. Sie wollte schon immer Frauen unterstützen. 1985 begann sie ihre Ausbildung in Luzern, nachdem sie zuvor als Familienhelferin und in einem Pflegeheim gearbeitet hatte. Die Namen der Kinder, bei deren Geburt sie dabei war, hat sie fein säuberlich in Alben aufgeschrieben. Sie hat sich Namen, Daten und die Umstände der Geburten notiert, um sich erinnern zu können. Mehrere solcher Alben liegen bei ihr zu Hause in Dittingen auf dem Tisch. Noch heute kommt es vor, dass sie jemanden trifft und nachfragt: Wo bist du geboren? Wann war das? Dann kann sie nachschauen. Rund 1100 Geburten sind über die Jahre zusammengekommen.
Dabei war diese hohe Zahl für ihre Arbeit im Laufental gar nicht das Entscheidende. Im Spital in Breitenbach gab es damals etwa 80 bis 90 Geburten pro Jahr. Später, als freischaffende Hebamme, waren es weniger. Dafür betreute sie die Frauen länger. «Ich begleitete die Frauen in der Geburtsvorbereitung, während der Geburt, im Wochenbett und auch noch als Stillberaterin. Das ist eine lange Zeit, weshalb man sich auch noch Jahre später kennt.»
Beziehungen, die bleiben
Manche Verbindungen gingen weit über eine Geburt hinaus. Eine Frau lernte Bibiana Sommer 1992 im Geburtsvorbereitungskurs kennen. Zwei Jahre später kam das zweite Kind. Auch beim dritten begleitete Bibiana die Familie. Als das vierte geboren wurde, gratulierte sie der Mutter. Die gratulierte zurück: Bibiana werde Gotte des Kindes. Heute ist dieses Gottenkind 28 Jahre alt und selbst Mutter. Bibiana Sommer hütet nun regelmässig dessen sechs Monate altes Kind.
Geburten seien etwas, das im Gedächtnis der Frauen haften bleibe. Das erlebte Bibiana Sommer schon, als sie nach ihrem Umzug ins Laufental zunächst bei der Spitex arbeitete. Sobald ältere Frauen erfuhren, dass sie Hebamme war, erzählten sie von ihren eigenen Geburten. «Als wären sie erst gestern gewesen», sagt Bibiana. Auch bei ihr ist vieles in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel jene Nacht, in der morgens um drei das Telefon klingelte. Eine Frau erwartete Zwillinge. Sie sei davon ausgegangen, dass die werdende Mutter für die Geburt ins Spital gehen würde. Doch am Telefon erfuhr sie: Das erste Kind war bereits da. Sie sei sofort losgefahren. Als sie eintraf, stand die Mutter mit dem warm eingepackten Neugeborenen im Arm da. Später kam im Spital der zweite Zwilling zur Welt. Auch mit ihrer Erfahrung wurden solche Momente nie zur Routine. Wenn eine Frau wegen Wehen anrief, sei sie jeweils nervös geworden. Die Anspannung habe sich erst gelegt, wenn sie bei der Frau gewesen sei, mit ihr habe reden und sie habe «spüren» können. Dann war sie, wie sie sagt, «drin».
Nicht alle Erinnerungen sind leicht. Bibiana Sommer hat auch Eltern begleitet, deren Kinder tot oder mit schweren Beeinträchtigungen zur Welt kamen. Besonders beeindruckt hat sie, wie viel Kraft sie in solchen Situationen aufbrachten. «Ich frage mich immer wieder: Woher nehmen die Eltern die Kraft?»
Auch der Beruf habe sich im Lauf der Jahre verändert. Immer mehr wurde digital, immer mehr musste dokumentiert werden. Für Bibiana Sommer wurde es als Beleghebamme zunehmend schwieriger, mit allen Abläufen Schritt zu halten. 2019 entschied sie sich, keine Geburten mehr zu begleiten. Danach blieb sie den Familien mit Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung und Stillberatung erhalten. Ende letzter Woche hat sie auch damit aufgehört. Was fehlen wird, weiss sie jetzt schon: die Neugeborenen, die Mütter und Familien, wenn sie frisch zu Hause sind. Die Gespräche. «Und dass ich helfen kann.» Doch da ist auch Vorfreude. Bibiana Sommer gibt Gymnastik für Pensionierte. Sie will bei einer Schulfreundin auf Sardinien Oliven ernten und hat sich beworben, um in einer Käserei mitzuhelfen. «Mal etwas anderes, was ich nie gemacht habe», sagt sie. Früher wäre das kaum möglich gewesen. Sie habe schliesslich nie gewusst, wann eine Frau ihre Hilfe brauchen würde. Fast vier Jahrzehnte lang gehörte dieses Bereitsein zu ihrem Leben. Nun muss sie nicht mehr darauf warten, dass irgendwo ein Kind zur Welt kommt.


