Der Revierstreit hat seinen Preis

Der Regierungsrat rügte den Gemeinderat von Liesberg für seinen Entscheid bei der Vergabe des Jagdreviers; dieser zog vor Kantonsgericht. Seither entgehen der Gemeinde die Pachtzinsen. Zudem führt die Ersatz-massnahme dazu, dass mehr Tiere getötet werden als früher.

Probleme im Jagdwesen: An der letzten Gemeindeversammlung wurden Fragen zur Jagd gestellt. Foto: ARCHIV/ Sandra Ardizzone
Probleme im Jagdwesen: An der letzten Gemeindeversammlung wurden Fragen zur Jagd gestellt. Foto: ARCHIV/ Sandra Ardizzone

«Wir vermissen die Rehe, die wir bei unseren abendlichen Spaziergängen regelmässig beobachten konnten», heisst es aus dem Dorf Liesberg. Im 2025 seien im Revier Liesberg mehr Tiere erlegt worden als je zuvor, dies bestätigt die Jagdstatistik. Diese zeigt, dass vor allem mehr weibliche und junge Tiere geschossen wurden. Zwischen 2014 und 2022 erlegten die zwölf Mitglieder der Jagdgesellschaft im Revier Liesberg nur ganz wenige weibliche Rehe. Im 2025 waren elf Jäger weniger unterwegs, doch die Anzahl der Abschüsse stieg an. Neun Rehgeissen und drei Rehkitze wurden geschossen, insgesamt 22 Tiere der Kategorie Rehwild. Beim Schwarzwild lag die Abschussrate früher bei zehn bis 36 Tieren pro Jahr. Im Jagdjahr 2025 wurden im Revier Liesberg 55 Tiere erlegt, davon waren fast alles Jungtiere, also 33 Frischlinge und 16 Überläufer. Für dasselbe Jahr zeigt die Jagdstatistik, dass in Roggenburg 16 Wildschweine und beim Rehwild 13 Tiere erlegt wurden. Jäger erklären den Erfolg mit den Möglichkeiten heutiger Technologie. Dazu zählen Wildtierkameras mit Bewegungsmeldung aufs Handy, Nachtsichtgerät und Schalldämpfer.

Ist in Liesberg das Jagdwesen aus den Fugen geraten? «Was ist da los?», wollte ein Anwesender an der Gemeindeversammlung unter Verschiedenes wissen. Zwei Jagdgesellschaften würden um das Revier Liesberg buhlen. Die unterlegene Partei habe den Vergabeentscheid des Gemeinderates angefochten und vom Regierungsrat Recht erhalten. «Der Gemeinderat wird in den nächsten Wochen einen neuen Vergabeentscheid treffen müssen», informierte Rolf Nussbaumer, Gemeindepräsident ad interim. Bis zur gültigen Pacht herrsche ein Ausnahmezustand.

Organisatorisch gilt im Baselbiet das Revierjagdsystem: Das Jagdrecht liegt bei den Gemeinden. Diese verpachten ihre Jagdreviere jeweils für acht Jahre an Jagdgesellschaften, die für Abschussplanung, Hege und Revierpflege verantwortlich sind. Die Oberaufsicht liegt beim Kanton. Bei der zuständigen Fachstelle nachgefragt, heisst es: «Das Jagdwesen im Kanton Basel-Landschaft umfasst Jagd, Wildtier- und Lebensraumschutz, Bestandsregulierung, Wildschadenmanagement, Jagdaufsicht sowie Ausbildung und Organisation der Jagd. Die eigentliche Jagdausübung ist dabei nur ein Teil des gesamten Systems». Bei nicht verpachteten Revieren sei die Gemeinde zur Verhinderung von übermässigen Wildschäden, zur Hege, zur Sicherstellung des Jagdbetriebs und zum Unterhalt der jagdlichen Einrichtungen verpflichtet, teilt der Mediendienst der Volkswirtschaftsdirektion auf Anfrage dieser Zeitung mit. Dieser Verpflichtung sei die Gemeinde nachgekommen, sagt Liesbergs Gemeindeverwalter Volker Papenburg. Der Gemeinderat habe in Absprache mit dem Kanton mit auserwählten Jägern eine Vereinbarung getroffen, welche die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. «Von Unregelmässigkeiten haben wir keine Kenntnisse», sagt Papenburg. Es sei denkbar, dass im Revier mehr Tiere erlegt worden seien als früher, aber gemäss Statistik liege die Zahl im Bereich des Erlaubten. Die Vereinbarung sieht vor, dass die Jäger keine Pacht zahlen müssen und den Erlös aus den erlegten Tieren in ihre Tasche stecken dürfen. Ursprünglich hatte die Gemeinde für die Pacht des Reviers von 2024 bis 2032 mit Einnahmen von 80000 Franken gerechnet. «Die heutige Situation ist unbefriedigend», räumt Papenburg ein. Letztlich sei sie durch Streitigkeiten unter der Jägerschaft verursacht. Allerdings war es der Gemeinderat, der die Rüge des Regierungsrates beim Kantonsgericht anfocht. «Dieses Verfahren ist abgeschlossen und verlangt, dass der Gemeinderat die Vergabe der Revierpacht neu beurteilt, was er in den nächsten Wochen tun wird», hält Papenburg fest.

FBei den Bewertungskriterien habe man sich an die Matrix gehalten, die dem kantonalen Standard entspreche. Im laufenden Verfahren habe sich die Gemeinde für eine gütliche Lösung eingesetzt und den beiden Jagdgesellschaften anerboten, das Jagdrevier aufzuteilen. «Dies wurde aber von der einen Jagdgesellschaft abgelehnt.» Recherchen nach handelt es sich dabei um die Jagdgesellschaft «Sägibergli», deren Vertreter sich nicht öffentlich zu den Beweggründen äussern wollen. Vorstandsmitglied Ronny Hornung sagt: «Wir nehmen im Moment keine Stellung.» Die Jagdgesellschaft Falkenfluh weist ihrerseits auf das laufende Verfahren hin. Präsident Christoph  Tassera gibt aber zu verstehen, dass sich die Vereinsmitglieder für eine gütliche Lösung eingesetzt hätten. In diesem Rahmen sei man auch für ein klärendes Gespräch mit jenen Jägern offen gewesen, die vor ihrem offiziellen Austritt ihren eigenen Verein gegründet und sich um die Pacht beworben hatten. Im Dorf heisst es, bei den Streitigkeiten gehe es um grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen über die Rolle eines Jägers.

Drei weitere Fälle

Von Martin Thommen, Präsident Jagd Baselland, ist zu erfahren, dass der Streit in Liesberg keine Ausnahme ist. In drei Fällen sei die Reviervergabe noch Teil eines laufenden Verfahrens. Die Dachorganisation halte sich aus diesen Streitigkeiten heraus. Grundsätzlich empfiehlt sie ihren über 70 Jagdgesellschaften, Traditionelles zu pflegen, doch neuen Methoden gegenüber aufgeschlossen zu sein. Als Pächterin des Reviers müsse eine Jagdgesellschaft nicht nur einen guten Job machen, sondern auch für Transparenz  sorgen und von sich aus die Kommunikation mit der Gemeinde, dem Forst und der Landwirtschaft pflegen. Vor persönlichen Animositäten sei kein Verein gefeit, hilfreich sei aber die Regel, dass es für die Aufnahme neuer Mitglieder Einstimmigkeit brauche, erklärt Thommen.

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