Das Nadelöhr von Angenstein
Auf der Brücke von Angenstein beginnt der Fall Laufental. Jonas Lenz trifft auf Christoph Sütterlin, den Concierge des Tals, und erhält seine erste Lektion: Die Brücke ist weit mehr als ein Verkehrsübergang, sie ist eine Schwelle zwischen zwei Welten.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 1
Der Piaggio Ape 50 schnurrt, knattert und hustet sich die letzten Meter Richtung Brücke von Angenstein. Jonas Lenz drosselt das Tempo. Nicht nur, weil der kleine Dreiradwagen ohnehin keinen Wettlauf mit der Zeit gewinnt. Sondern weil er spürt, dass man langsamer werden muss, wenn man etwas wirklich verstehen will.
Das Tor zum Tal
Vor ihm liegt das Laufental. Mehr als eine geografische Vertiefung. Eher ein Raum mit eigener Gravitation. Lenz hat viel gehört und gelesen. Manche nennen es ein verwunschenes Tal voller Höhen und Tiefen. Andere sprechen halb spöttisch, halb liebevoll vom «Rock Valley».
Doch Lenz bildet sich ungern Urteile aus zweiter Hand, er möchte sich ein eigenes Bild machen. Als Fremder. Seit Jahren lebt er im Appenzellerland. Die Distanz ist für ihn kein Nachteil, sondern Methode. Von aussen sieht man oft klarer, weil man noch nicht Teil der Betriebsblindheit ist.
Vor ihm erhebt sich Schloss Angen- stein, stolz und unbeweglich. Rechts klebt das alte Zollhaus an der Strasse, als wolle es noch immer jeden kontrollieren. Dazwischen drängt sich die Birs durchs Gestein, eilig und unbeirrbar. Das Nadelöhr von Angenstein wirkt wie ein Eingangstor, so schmal, dass man fast automatisch langsamer wird. Ein Ort, der signalisiert: Wer hier eintritt, betritt eine andere Welt.
Der Concierge des Tals
Lenz parkt die Ape auf der Brücke, stellt den Motor ab und steigt aus der engen Kabine. Lenz wird bereits erwartet, Christoph Sütterlin streckt ihm die Hand entgegen. Im Laufental kennt man ihn als Kulturförderer und Vorstandsmitglied des Museums Laufental. Ein Mann mit Wurzeln im Tal, der auf erstaunlich viele Fragen und Türen einen Schlüssel zu haben scheint.
«Sie müssen Lenz sein», sagt Sütterlin. «Und Sie der Concierge des Tals», antwortet Lenz und zieht den Hut. Sütterlin schmunzelt. «Das hier», sagt er und deutet auf Schloss, Zollhaus und Brücke, «ist mehr als ein Verkehrsübergang. Es ist eine Schwelle zwischen zwei Welten.»
Er zeigt nach Norden. «Vor der Brücke: Stadt, Tempo, Basel, die Welt. Hinter der Brücke beginnt das Tal. Früher sagte man: ‹Die vo hinge füre.› Bauern, Handwerker, Fabrikarbeiter. Bodenständig. Robust. Nicht immer ernst genommen.»
Lenz schaut ins Tal. Bewaldete Hügel. Enge. Tiefe. Ruhe. «Früher war dies auch Kantonsgrenze», fährt Sütterlin fort. «Als das Laufental noch zu Bern gehörte, war es doppelt isoliert: geografisch und politisch. Diese Prägung spürt man bis heute. Der Dialekt hier unten ist breiter, schwerer. Ein Sprachwall. Man heiratet über den Miststock hinweg, aber selten darüber hinaus.»
Autorität auf drei Rädern
Dann werden sie unterbrochen. Ein Auto hupt. Dann noch eines. Ein Lieferwagen, ein SUV. Lenz dreht sich um und erkennt das Problem. Seine Ape steht exakt dort, wo man sie am wenigsten brauchen kann: im Nadelöhr. Neben einem Lastwagen wirkt der Dienstwagen der Detektei noch kleiner, ein bisschen wie ein Spielzeug-Auto.
Lenz reagiert instinktiv. Er tritt auf die Fahrbahn, hebt die Hand und winkt die Fahrzeuge durch. Ein Auto nach dem anderen rollt vorbei. Dann erscheint ein Polizeiwagen. Lenz hebt erneut die Hand, weist professionell den Weg, nickt kurz. Der Polizeiwagen fährt ohne Zögern weiter. Lenz spürt schelmische Freude.
Niemand fragt nach einer Bewilligung. Niemand verlangt einen Ausweis. Offenbar genügen ein schwarzes Gilet, eine Windsor-Brille, ein ernster Blick und ein Fahrzeug mit Detektei-Logo. Lenz notiert innerlich: Rollen machen Leute, Kleider auch.
Diagnose eines Tals
Sütterlin schmunzelt über die Szene. Dann wird er wieder ernst. «Das Tal trägt seine Stärken und Schwächen eng beieinander. Tiefe Verwurzelung. Viel Identität. Aber auch eine gewisse Erstarrung. Traditionen halten uns zusammen und manchmal halten sie uns auch fest.» Ein Güterzug donnert durch das Tunnel und lässt die Brücke erzittern. «Viele Junge gehen weg, sobald sie flügge werden. Basel. Zürich. Die Welt. Und nur wenige kommen zurück. Gleichzeitig hätten wir enorm viel Potenzial: Natur, Geschichte, Handwerk, Kultur, Unternehmergeist. Aber wir sprechen oft zu leise darüber.»
Er macht eine kurze Pause. «Hotels? Kaum. Restaurants? Zu wenige. Ein Tourismusbüro? Fehlanzeige. Viele fahren einfach durch Richtung Jura. Das Tal bleibt unsichtbar. Wer nicht zufällig hier wohnt, ahnt kaum, was hier alles vorhanden ist.»
Lenz hört aufmerksam zu. Je länger Sütterlin spricht, desto deutlicher wird ihm: Das Laufental leidet nicht an einem Mangel an Potenzial, sondern an einem Mangel an Sichtbarkeit.
Der Fall beginnt
Lenz streicht über sein rotes Journal. «Probleme», murmelt er, «sind oft verkleidete Potenziale.» Sütterlin nickt. In seinem Blick liegt Zuversicht. «Dann sind Sie hier richtig. Ich habe die Schlüssel. Sie die Fragen.» Lenz klappt das Journal zu. «Ich bin nicht hier, um Verbrechen aufzudecken», sagt er ruhig. «Ich suche Potenziale. Geschichten. Menschen. Orte. Dinge, die längst da sind, aber noch zu wenig beachtet werden.» Er setzt den Hut wieder auf und steigt in die Ape, um Richtung Laufen aufzubrechen. Die Birs rauscht weiter, als hätte sie all das schon lange gewusst. Der Fall Laufental hat begonnen. Und schon nach der ersten Begegnung ahnt Jonas Lenz: Dieser Fall wird grösser, tiefer und spannender als gedacht.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch
Detektei Laufental
Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Eine sechsteilige Serie gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.








