Trotz ständiger Schmerzen an die Spitze

Mirjam Caviezel aus Reinach ist die aktuelle Nummer 1 der Weltrangliste im Tischfussball (ITSF) der Seniorinnen-Kategorie (+50). Im Gespräch mit dem Wochenblatt gibt sie Einblick in die Töggeli-Welt und erklärt, worauf es ankommt, um oben mitspielen zu können.

Enormer Ehrgeiz: Mirjam Caviezel hat chronische Schmerzen und dennoch den ersten Platz geholt. Hier posiert sie nach ihrem Sieg in Polen mit einem Physiotherapeuten, der ihr geholfen hat, ihre Verspannungen zu lösen.Foto: ZVG / Polish Table Football
Enormer Ehrgeiz: Mirjam Caviezel hat chronische Schmerzen und dennoch den ersten Platz geholt. Hier posiert sie nach ihrem Sieg in Polen mit einem Physiotherapeuten, der ihr geholfen hat, ihre Verspannungen zu lösen.Foto: ZVG / Polish Table Football Association (PZFS)

Was ein Snake-Shot oder ein Pin-Shot ist, dürften die allermeisten Leute, die hin und wieder mal in einer Bar oder einer Spielhalle an einem Töggelikasten stehen, wohl nicht wissen. Für Mirjam Caviezel sind das jedoch Alltagsbegriffe – jedenfalls perfektioniert sie diese Schusstechniken durch tägliches Trainieren an einem ihrer gleich fünf Spielgeräte, die sich übers Wohnzimmer verteilen. Während sie probiert, jeden kleinen Schritt der Bewegungsabläufe Mal für Mal mit möglichst hoher Kontrolle und Präzision auszuführen, erklärt sie die verschiedenen Schusstechniken. Beim Snake-Shot wird der Ball fixiert und durch eine explosive Rollbewegung des Griffs nach vorne katapultiert. Beim Pin-Shot wird die Stange seitlich verschoben und die Figur klappt blitzschnell nach vorne, was den Ball rausschiessen lässt und neue Winkel eröffnet. Ihre Geheimwaffe sei jedoch der selbsterklärende Bandenschuss, den sie besonders gerne in ihr Spiel einbaue.

Willenskraft und Ehrgeiz

Caviezel wuchs im Appenzell auf, wo sie bereits von klein auf vom Töggelikasten im Restaurant ihrer Tante angezogen worden sei: «Ich musste auf einem Stuhl stehen, um an die Griffe zu kommen, und die Familie musste gegen mich antreten. Bei einem Goal erhielt ich dann jeweils ein 50erli», erinnert sich Caviezel. In ihrer Jugend widmete sie sich dann intensiv dem Schiesssport, worin sie auch einige grössere Erfolge erzielt habe. Beruflich schloss sie einer Lehre zur Floristin ab und führte anschliessend mit ihrem Bruder über viele Jahre ein Antiquitätengeschäft. Nachdem dieses Kapitel nach einem Schicksalsschlag in der Familie ein Ende gefunden hatte, folgte eine schwere Zeit für Caviezel, in der sie zunehmend auch mit einer Reihe an chronischen und langwierigen gesundheitlichen Leiden zu kämpfen hatte.

Aufgrund einer starken Osteoporose und eines mehrfach operierten Fussgelenks habe sie auch beim Tischfussball ständige Schmerzen, doch davon liesse sie sich nicht abhalten: «Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann gebe ich nicht auf, bis ich es erreicht habe», sagt Caviezel über ihre Willenskraft und ihren Ehrgeiz.

Als wie vor zwölf Jahren über einen Bekannten eher zufällig als Aushilfsspielerin bei einem grossen Turnier landete und schonungslos verlor, habe sie Feuer gefangen: «Ich war in der Abwehr und es hagelte Tore im Sekundentakt. Dieses Erlebnis hat mich dann aber unglaublich motiviert, besser zu werden und intensiv zu trainieren.»

Gesagt, getan: Heute trainiert sie dreimal pro Woche in verschiedenen Teams und nimmt dafür teilweise auch weite Fahrtzeiten in Kauf, um auf die richtigen Trainingsgegner zu treffen – dazu kommt das tägliche Üben allein zu Hause. «Neben der Technik ist es vor allem auch die mentale Komponente, die entscheidend ist. Wenn man die Strategie und Taktik des Gegenübers lesen kann, ist man klar im Vorteil.» Zudem gibt es verschiedene Hersteller und Modelle an Töggelikästen, die jeweils ihre eigenen Spezifikationen und Eigenheiten haben, auf die man sich je nach Turnier vorbereiten muss.

Königsdisziplin Multi-Table

Doch der Aufwand scheint sich bezahlt zu machen: Mitte September reiste Caviezel nach Polen an die Weltmeisterschaft des Herstellers Garlando in Cieszyn. Zurück kam sie als Weltmeisterin und Erstplatzierte der Gesamtweltrangliste in der Kategorie +50/Seniorinnen. «Das war ein wunderbares Gefühl, doch jetzt bin ich gewissermassen die Gejagte und muss weiter dranbleiben, um den Rang verteidigen zu können», meint Caviezel ambitioniert.

Das nächste grosse Turnier steht bereits in der folgenden Woche an, wenn es an die Weltmeisterschaft des Herstellers Leonhart in Saarbrücken geht. Damit solche Reisen möglich seien, sei sie zudem stets auf der Suche nach Sponsoren, fügt sie an. Das grosse Ziel, auf das Caviezel hinarbeite, seien die Multi-Table-Weltmeisterschaften im Jahr 2028, bei denen nicht nur auf einer bestimmten Tischmarke gespielt wird, sondern die besten Allrounder auf allen Modellen gekürt werden. Caviezel sagt zum Schluss: «Gewinnen möchte man natürlich immer, aber für mich geht es auch einfach darum, zeigen zu können, was trotz meiner körperlichen und gesundheitlichen Situation alles möglich ist und dass man nie aufgeben soll.»

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