Dornach
11.12.2019

Gefährdet ein Neubau nationales Kulturgut?

Massive Veränderung im Landschaftsbild: Die geplanten Wohnblöcke in Arlesheim könnten die über 100 Jahre alten und unter nationalem Schutz stehenden Nebenbauten des Goetheanums bald verdecken.  Foto: ZVG

Massive Veränderung im Landschaftsbild: Die geplanten Wohnblöcke in Arlesheim könnten die über 100 Jahre alten und unter nationalem Schutz stehenden Nebenbauten des Goetheanums bald verdecken. Foto: ZVG

Das Landschaftsbild unmittelbar neben dem international berühmten Kulturgut Goetheanum könnte sich massiv verändern: Geplant ist der Bau von 100 Wohneinheiten. Ein neu gegründeter Verein versucht nun, die Projekte zu stoppen.

Bea Asper

In der Gemeinde Arlesheim sorgen die Bauprojekte «Schwinbach Süd» und «La Colline – Auf der Höhe» für grosses Aufsehen. Sie werden auf einem Areal von 26300 Quadratmetern das Erscheinungsbild neben dem Goetheanum komplett verändern. Der heutige Park mit seinen extensiven Wiesen und dem alten Baumbestand würde verschwinden, stattdessen werden Wohnblöcke in den Himmel ragen. Geplant ist der Bau von 100 Wohneinheiten. «Gegen beide Projekte gibt es schwerwiegende Bedenken», sagt Ueli Steiger vom neu gegründeten Verein Initiative zum Schutz des Kulturgutes am Goetheanum (ISKAG). Die Vereinsmitglieder versuchen derzeit, die wichtigen Player im Heimat-, Denkmal- und Naturschutz zu mobilisieren, und haben von der Fondation Franz Weber auch bereits erste Unterstützung erhalten mit Beistand in den rechtlichen Abklärungen. Die kleine Gruppe von Idealisten kämpft jedoch gegen Windmühlen. Denn das Bauinspektorat des Kantons Basel-Landschaft hat der Generalunternehmung Steiner AG für das Projekt «La Colline – Auf der Höhe» bereits die Baubewilligung erteilt und die Steiner AG ist ein globaler Player. Der Verwaltungsrat besteht aus indischen Wirtschaftsführern, die sich vorgenommen haben, den eingeschlagenen Weg in Arlesheim erfolgreich zu Ende zu gehen: Die Steiner AG werde weiterhin «Ausdauer und Engagement aufbringen», um den künftigen Stockwerkeigentümern ein schönes Zuhause zu bieten, heisst es in den Unterlagen zum Vorverkauf der Wohneinheiten. Das Projekt «La Colline» bleibe hochwertig und einmalig. «‹La Colline› bedeutet die Anhöhe und umschreibt sehr elegant die wunderschöne Lage des Projektes», heisst es weiter. Den Weg für die Überbauung geebnet haben Vertreter und Vertreterinnen von anthroposophischen Organisationen, indem sie ihre Grundstücke an die Generalunternehmen veräusserten.


Solothurn wusste von nichts

Dass die modernen Bauten an diesem sensiblen Ort von Behörden und dem Souverän (die Gemeindeversammlung hat im Jahr 2013 den Quartierplan bewilligt) unterstützt wurden, ist für Ueli Steiger nicht nachvollziehbar. «Beide Überbauungen sollen direkt an das Goetheanumareal anschliessen, welches erfasst ist als nationales Kulturgut mit internationaler Bedeutung. Sowohl das Goetheanum selbst wie zusätzliche herausragende Baudenkmäler aus derselben Zeit im Umkreis des Goetheanums stehen unter Schutz. Das Gleiche gilt für den ökologisch sehr wertvollen Goetheanumpark mit ausgedehnten Gärten und prächtigen alten Bäumen. Leider scheint bei der Planung beider Projekte keine Rücksicht auf dieses unmittelbar benachbarte Kulturgut genommen worden zu sein», beklagt er. Der Denkmalschutz des Kantons Solothurn sei nicht in die Planung involviert gewesen. «Die südlichsten Gebäude der Überbauung ‹La Colline› kommen direkt neben das Glaushaus aus dem Jahre 1914 und das Verlagshaus aus dem Jahr 1924 zu liegen und würden nicht nur das Goetheanum, sondern auch das Heizhaus (1915) und seinen weitherum sichtbaren expressionistischen Kamin verdecken», erklärt er weiter. Steiger, der in Zürich wohnt, doch persönlich verbunden ist mit Arlesheim, ist sehr besorgt: «Die Gebäude heben sich sowohl in der Grösse wie im Stil sehr stark von den umgebenden Wohnquartieren ab. Sie würden den lokalen Siedlungscharakter zerstören und die Sicht auf das Goetheanum, seine Umgebungsbauten und seinen Park auf grosse Distanz einschränken. Der einzigartige Gesamteindruck des Goetheanumparks von Norden her ginge verloren. Auch aus Sicht des Naturschutzes gebe es schwerwiegende Einwände. Die Vereinsmitglieder setzen nun ihre Hoffnungen darauf, dass sie im Nachweis «einer fehlenden Rücksichtnahme auf den Denkmal- und Naturschutz» und mit weiterer Unterstützung aus der Bevölkerung und von Organisationen doch noch Einfluss nehmen können auf die Projekte. Für «Schwinbach Süd» (der Generalunternehmung Implenia) steht das Baubewilligungsverfahren noch aus. Der Solothurner Denkmalschützer Stefan Blank ist auf jeden Fall hellhörig geworden. Er habe erst durch den Verein von den Bauplänen auf Baselbieter Seite erfahren, bestätigt er auf Anfrage des Wochenblatts. Obwohl das Goetheanum einen nationalen Schutz geniesst und der Umgebungsschutz auf Solothurner Boden sehr hoch ist, gab es beim Bauprojekt auf Arlesheimer Boden keine interkantonale Absprache, was Blank «in Unkenntnis» nun auch nicht erklären kann.


Kanton Baselland gab grünes Licht

Nachgefragt beim Baudepartement des Kantons Basel-Landschaft erklärt Generalsekretärin Katja Jutzi: «Der Umgebungsschutz und damit auch die Verträglichkeit des Quartierplans mit dem Goetheanum war bereits im Verfahren der Quartierplanung durch die Kantonale Denkmalpflege geprüft worden. Es wurde keine Beeinträchtigung des Goetheanums und des Orts- und Landschaftsbildes festgestellt.» Diese Auffassung wurde vom Kantonsgericht in seinem Urteil vom 16. September 2015 (Verfahrens-Nr. 810 14 375, dort Ziff. 4.3.2) explizit bestätigt: «Von einer möglichen Beeinträchtigung des südlich des Quartierplanareals auf dem Gebiet der Einwohnergemeinde Dornach gelegenen, unter Denkmalschutz stehenden Goetheanums kann nicht gesprochen werden.» Dieser Entscheid sei rechtskräftig und damit auch für das sich auf das Quartierplanverfahren abstützende Baubewilligungsverfahren verbindlich, führt Jutzi aus. Für Steiger gibt es nach wie vor viele Ungereimtheiten. Er wie auch die übrigen Mitglieder des Vereins ISKAG stehen erst am Anfang ihres Kampfes. Weitere Informationen zum Verein gibt es unter www.schutz-kulturgut-goetheanum.ch