Reinach
09.08.2019

Der Verein Phari greift Armutsbetroffenen unter die Arme

Buntes Angebot: Was bei Grossverteilern liegen geblieben ist, wird im Pfarreisaal der katholischen Kirchgemeinde an Bedürftige verteilt. Foto: zVg

Buntes Angebot: Was bei Grossverteilern liegen geblieben ist, wird im Pfarreisaal der katholischen Kirchgemeinde an Bedürftige verteilt. Foto: zVg

Seit März dieses Jahres gibt es in Reinach eine Lebensmittelabgabe für Armutsbetroffene. Die erste Halbjahresbilanz ist sehr positiv.

Caspar Reimer

Spaziert man durch Reinach, zeigt sich meist ein Bild des Wohlstandes: Moderne Eigentumswohnungen, säuberlich herausgeputzte Einfamilienhäuser, einige schmucke Altbauten oder typische mittelständische Mietwohnungen dominieren das Bild. Doch der Schein trügt – zumindest teilweise. Auch in Reinach leben Menschen, deren Portemonnaie alles andere als prall gefüllt ist. Schweizweit sind knapp acht Prozent der Menschen von Armut betroffen. Bricht man diese Zahl auf Reinach herunter, leben in der Stadt vor der Stadt rund 1500 Menschen, die finanziell mehr schlecht als recht durchs Leben kommen. Aus diesem Grund hat im vergangenen März der in Therwil beheimatete und dort sehr erfolgreiche Verein Phari eine Lebensmittelabgabestelle für Armutsbetroffene ins Leben gerufen. Alle Reinacherinnen und Reinacher, die am oder unter dem Existenzminimum leben, können sich beim Verein melden: «Unser Angebot ist sehr gut angelaufen. Es gibt also Bedarf für eine solche Einrichtung in Reinach», sagt Gabi Huber, die den Verein zusammen mit ihrer Kollegin Brigitte Marques gegründet hat. Die Lebensmittelabgabestelle ist jeden Donnerstag von 15.30 bis 17 Uhr im Pfarreisaal der katholischen Kirchgemeinde eingerichtet. Den grössten Teil der Lebensmittel bekommt der Verein von der Schweizer Tafel, einem Projekt der gleichnamigen Schweizer Stiftung. Die Schweizer Tafel verteilt einwandfreie, überschüssige Lebensmittel, die bei Grossverteilern liegen geblieben sind, an soziale Institutionen wie Obdachlosenheime, Gassenküchen, Notunterkünfte und andere Hilfswerke. Solche Lebensmittel sind in der Schweiz nämlich im Überfluss vorhanden: etwa zwei Millionen Tonnen nicht gebrauchte Lebensmittel landen jährlich im Abfall. Von diesem Überschuss profitiert der Verein Phari. Im Sortiment gibt es frisches Gemüse, Teigwaren, Obst, Konfitüre und Brot – einfach alles, was der Mensch für eine ausgewogene Ernährung braucht. In Reinach wird die Lebensmittelabgabestelle zusätzlich noch von der Bäckerei-Konditorei Grellinger unterstützt: «Alles, was dort übrig bleibt, stellt die Familie Grellinger uns zur Verfügung», sagt Brigitte Marques.


Treffen kann es alle

Anders als in der anonymen Stadt ist die Armut in Reinach versteckt: «Betroffene empfinden Scham und versuchen alles, damit ihre Situation nicht bekannt wird», berichtet Huber. Dabei könne grundsätzlich jeder in eine solche Situation geraten: «Es gibt viele Leute, die
arbeiten und trotzdem zu wenig Geld haben, um die Grundbedürfnisse zu
decken.» Verbreitet ist Armut auch bei Alleinerziehenden oder bei Eltern, die ihr knappes Geld für die Kinder ausgeben, und am Schluss für sich nichts mehr übrig haben. «An solche Menschen richtet sich unser Angebot», sagt Huber. Das Angebot soll niederschwellig, persönlich und unbürokratisch sein – aber: «Natürlich brauchen wir einen Nachweis, dass eine Person wirklich bedürftig ist.» Dazu benötigen Huber und Marques Lohnausweise, Steuerunterlagen oder dergleichen. «In einem persönlichen Gespräch klären wir den Bedarf ab.» Wer bedürftig ist, bekommt eine Berechtigungskarte und hat jeden Donnerstag Anrecht auf eine Tüte Lebensmittel. Zudem bietet die Anlaufstelle auch Gelegenheit für gegenseitigen Austausch: «Die Betroffenen merken dann, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind», erzählt Marques.


Lücke gefüllt

In Therwil, wo der Verein seine Tätigkeit aufgenommen hat, wird das Angebot so stark genutzt, dass Gabi Huber und Brigitte Marques schon Leute auf die Warteliste setzen mussten. Die beiden Frauen haben mit ihrem Projekt eine Lücke gefüllt und somit für Aufsehen gesorgt: Um ihr Projekt vorzustellen, wurden sie etwa an einen kantonalen Vernetzungsanlass eingeladen und konnten das Angebot bereits interessierten Schulklassen präsentieren – so war neulich eine Klasse des KV Reinach zu Besuch. Weitere Informationen gibt es unter www.vereinphari.ch.