Internet Wochenblatt Schwarzbubenland/Laufental
09.01.2019

Zöpfe aus Feuchttüchern und Unsagbarem

<em>Blockiert: </em>Eine Pumpe der ARA Zwingen ist von Feuchttüchern blockiert und muss aus-einandergeschraubt und entstopft werden.<em> Foto: ARA Zwingen</em>

Blockiert: Eine Pumpe der ARA Zwingen ist von Feuchttüchern blockiert und muss aus-einandergeschraubt und entstopft werden. Foto: ARA Zwingen

Feuchttücher werden immer öfter zum Albtraum in Kanalisationen und ARAs. Sie verzopfen und legen so die Pumpen lahm.

Gini Minonzio

Inzwischen haben sie schon Routine. Regelmässig müssen die Männer der ARA Zwingen die blockierten Pumpen auseinandernehmen. Genau, die Pumpen, welche die rohe Abwasserbrühe voller Fäkalien weiterbefördern sollten. Der Grund: Feucht- tücher. «Die Pumpen verdrehen die Feuchttücher ineinander, bis sie zu dicken Strängen verzopfen und dann die Pumpen blockieren. Dann müssen wir die Pumpen auseinanderschrauben und die Vlies-Zöpfe Stückchen für Stückchen auseinanderreissen», erklärt ARA- Teamleiter Philipp Borer. Zur Illustra- tion hält er einen gewaschenen Zopf in die Höhe, aus dem noch eine Zahnbürste, ein Rasierer und anderes Unaussprechliches herausfallen und uns vor die Füsse rollen. Manche Tücher sehen wie Bodentücher aus, andere haben die Grösse von feuchten Toiletten- tüchern.

Auch im Kanalnetz des Kantons Baselland machen die Feuchttücher Probleme, wie der Betriebsleiter Siedlungsentwässerung, Lutz Beck, bestätigt. Der Kanton habe rund 40 Anlagen, deren Pumpen jährlich zwei- bis dreimal auseinandergenommen und von den festgehakten Feuchttüchern befreit werden müssen. «Das ist keine Arbeit für jedermann. Klar tragen die Männer Schutzkleider. Aber schon nur der Anblick ist nicht gut», sagt Beck.

Wer wirft denn Feuchttücher in die Toilette? Und wer braucht diese riechenden Dinger, wo doch manche Tücher laut «K-Tipp» gesundheitlich heikle Stoffe enthalten und gar Allergien aus-lösen können? Eine Recherche in Verkaufsläden fördert zutage, wie gross das Angebot an Feuchttüchern ist: für den Boden, für die Hände, für den Monitor, für den Baby-Po, für die WC-Schüssel, fürs Gesicht, für die Brille, für den Erwachsenen-Po, fürs Armaturenbrett, für den Intimbereich. Und das meist in mehreren Geruchsrichtungen und Schmirgelgraden. Auf allen untersuchten Packungen steht, dass man die Feuchttücher nicht in die Toilette werfen soll, sondern in den Kehricht. Bei allen, ausser bei den feuchten Toilettentüchern. Da steht ausdrücklich, dass man sie ins WC schmeissen soll.

Labortests und Praxis

Das Wochenblatt fragt bei Coop und Migros nach: «Wieso schreiben Sie bei feuchten Toilettentüchern nicht wie bei den anderen Feuchttüchern, dass man sie in den Kehricht werfen soll?» Coops Mediensprecherin, Andrea Bergmann, weist auf ein Video im «Nonwovens Industry» hin, einer Fachpublikation der Vlies-Branche. Sie erklärt, dass sich die feuchten Toilettentücher innerhalb von 5 Minuten im Wasser durch Bewegung zersetzen und sich innert kürzester Zeit auflösen, sodass es in der ARA nicht zu Ablagerungen komme. Was im Video so gut funktioniert, wollen wir zu Hause nachmachen. Wir füllen Wasser in ein Fass und legen ein feuchtes Toilettentuch dazu. Nach einer Viertelstunde Schütteln ist noch keine Veränderung sichtbar. Nach drei Viertelstunden ist das Tuch in drei Teile zerrissen und die Ränder lösen sich auf.

Migros wiederum gibt zur Antwort, sie lasse alle feuchten Toilettentücher testen. Wenn auf den Feuchttüchern aufgeführt sei, dass sie via Toilette entsorgt werden dürfen, haben sie den anerkannten Spülbarkeitstest bei Edana bestanden, erklärt die Mediensprecherin Alexandra Kunz.

Edana ist ein internationaler Verband der Vlies-Branche. Er hat sieben Tests erarbeitet, welche die Feuchttücher alle erfüllen müssen, um als «flushable» (spülbar) gekennzeichnet werden zu dürfen. So werden beispielsweise vor einer laufenden ARA-Abwasserpumpe alle 10 Sekunden insgesamt 60 Feuchttücher platziert. Dabei darf die Pumpe höchstens 5 Prozent mehr Strom verbrauchen, denn das wäre ein Zeichen, dass die Tücher die Pumpe belasten oder gar verstopfen.

Ist das denn realistisch, dass in der ARA nur alle 10 Sekunden ein Feuchttuch anschwimmt? «Nein», erklärt Philipp Borer. Das Problem sind auch die langen Trockenperioden, wo sehr viel Material in der Kanalisation liegen bleibt. Kommt dann der erste Regen, schwemmt es plötzlich all die Feuchttücher an. Und diese können dann die Pumpen lahmlegen. Für Borer ist klar: Aus der Sicht der ARAs sollte man überhaupt keine Feuchttücher in die Toilette werfen, Bodentücher sowieso nicht. Aber auch überhaupt keine feuchten Toilettentücher. Sie alle zersetzen sich zu wenig und verstopfen Pumpen und Rechen!

Abwasser landet im Fluss

Bei der ARA Birs (mit Kanalnetz von Grellingen bis Muttenz) zum Beispiel kommen laut der kantonalen «Bau- und Umweltzeitung» vom März nach einer mehrtägigen Trockenphase innerhalb einer Viertelstunde gegen drei Kubikmeter Rechengut an! Ein Stark-regen brachte innert kurzer Zeit so viel Feststoffe, insbesondere Feuchttücher, dass der neue Rechen verstopfte. Die Folge: Ein Grossteil des Abwassers musste unbehandelt in den Fluss geleitet werden.

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