Das Gedächtnis des Laufentals
Seit Wochen sammelt Jonas Lenz Geschichten im Laufental. Nun besucht er den Ort, an dem viele dieser Geschichten Woche für Woche sichtbar werden: die Redaktion des Wochenblatts. Dort entdeckt er, dass nicht nur Detektive ermitteln, sondern auch Redaktorinnen.
Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 8
Dienstag, 11 Uhr. Viehmarktgasse 30 in Laufen. Jonas Lenz steigt die Treppe in den ersten Stock hinauf. Keine Empfangshalle, kein hektischer Newsroom, keine Bildschirme mit Eilmeldungen. Hier entstehen keine Schlagzeilen für die Welt, sondern Geschichten für eine Region.
Seit einigen Wochen erscheint im Wochenblatt jeweils donnerstags eine neue Episode aus seinen Ermittlungen. Das Wochenblatt ist die Bühne, auf der die Ergebnisse der Detektei sichtbar werden. Heute möchte Lenz wissen, was auf der anderen Seite des Schreibtisches geschieht. Wer entscheidet eigentlich, welche Geschichten das Laufental Woche für Woche erzählt?
Die Frau am Redaktionstisch
Gaby Walther begrüsst ihn mit einem herzlichen Lachen. Normalerweise treffen sich die beiden im Café Kern. Nach einer Meniskusoperation geht sie noch an Stöcken und ist froh, dass Lenz diesmal den Weg zur Redaktion gefunden hat.
Seit 23 Jahren arbeitet Gaby Walther als Redaktorin beim «Wochenblatt», seit sieben Jahren leitet sie die Redaktion. «Das Wochenblatt ist für mich nicht nur ein Job, sondern eine Herzensangelegenheit.» Ursprünglich war sie Primarlehrerin in Röschenz, später studierte sie Geschichte und Literatur.
«Jede Woche entscheiden wir neu, welche Geschichten Platz finden», sagt sie. Sechs bis zwölf Artikel passen in eine Ausgabe. Geschichten über Gemeinderatssitzungen, Vereinsleben, Schulprojekte, Sport, Kultur und besondere Menschen. «Wichtig ist die Balance zwischen Pflichtstoff und den Geschichten, die überraschen.»
Lenz schaut sich um. Auf den Tischen stapeln sich Zeitungen, Notizen und Fotos. Plötzlich wird ihm klar: Woche für Woche gehen die Geschichten des Laufentals und des Schwarzbubenlandes über diesen Redaktionstisch. Gemeinsam mit ihrer Redaktionskollegin Melanie Brêchet entscheidet die Kulturwissenschaftlerin, was zur Geschichte wird und was vorläufig Geschichte bleibt. Gatekeeper nennt man diese Rolle im Journalismus. Für Lenz klingt das fast wie Chef-Ermittlerin.
Das Wochenblatt erscheint bereits im 118. Jahrgang. Es überstand Kantonswechsel, politische Debatten und die Digitalisierung. Bis heute landet es jeden Donnerstag kostenlos in praktisch jedem Briefkasten des Laufentals und des Schwarzbubenlands. Für Lenz ist das Wochenblatt mehr als eine Zeitung. Es ist das Gedächtnis einer Region.
Hoher Beachtungswert
Mitten im Gespräch läutet unten die Haustüre. «Ich gehe», sagt Lenz spontan und erhebt sich. Wenig später öffnet er im Erdgeschoss einer Dame und stellt sich spontan als Pförtner der Redaktion vor, auch eine Art Gatekeeper. Die Frau schaut kurz überrascht, nickt aber selbstverständlich und folgt ihm die Treppe hinauf.
Oben stellt sich heraus, dass sie weder Politikerin noch Vereinspräsidentin ist. Sie ist Leserin. Ihre letzte Ausgabe des Wochenblatts wurde nicht zugestellt. Deshalb holt sie sie persönlich ab. Lenz beobachtet die Szene mit stillem Vergnügen. Wie sehr muss einem eine Zeitung fehlen, dass man ihretwegen den Weg auf die Redaktion auf sich nimmt?
Offensichtlich gehört das Wochenblatt für viele Menschen so selbstverständlich zum Donnerstag wie der Kaffee am Morgen. «Das Blatt wird fleissig gelesen», bestätigt Gaby Walther. «Leider gehen die Inserate trotzdem zurück.» Ein Satz, der hängen bleibt. Ausgerechnet dort, wo das Interesse gross ist, wird die wirtschaftliche Grundlage kleiner.
Spiegel und Lupe
Lenz erzählt von seinen bisherigen Ermittlungen. Seit Beginn der Sommerserie werde er immer häufiger angesprochen. Menschen melden sich telefonisch, per Mail oder sogar persönlich. Sachdienliche Hinweise nehmen laufend zu. Ein Motorradklub lädt ihn ein. Ein Bootsbauer zeigt ihm den einzigen See des Kantons. Ein gehäkelter Rabe bewacht inzwischen das Büro der Detektei.
«Das Wochenblatt macht Ihre Arbeit sichtbar», sagt Gaby Walther. Lenz nickt. «Und Ihre Zeitung macht das Tal sichtbar.» Für einen Moment entsteht Stille. Dann formuliert Lenz einen Gedanken, der schon länger in seinem roten Journal reift. «Eigentlich arbeiten wir am gleichen Fall. Sie zeigen, was das Laufental ist. Ich suche, was es noch werden könnte.» Gaby Walther lächelt. «Dann ergänzen wir uns wohl ganz gut.»
Je länger Lenz darüber nachdenkt, desto klarer wird ihm der Unterschied. Das Wochenblatt berichtet über die Wirklichkeit des Laufentals und des Schwarzbubenlandes. Die Detektei fahndet zusätzlich nach den Möglichkeiten, die in dieser Wirklichkeit verborgen liegen. Das Wochenblatt ist Spiegel, Gedächtnis und Marktplatz einer Region. Die Detektei betrachtet denselben Spiegel mit einer Lupe und sucht darin nach Hinweisen auf die Zukunft.
Der nächste Fall
Als Jonas Lenz die Redaktion wieder verlässt, trägt er die aktuelle Ausgabe des Wochenblatts unterm Arm. Auf der Treppe bleibt er kurz stehen und blättert darin. Seit bald 120 Jahren erzählt diese Zeitung Woche für Woche die Geschichte des Laufentals. Keine grosse Weltpolitik. Sondern das, was eine Region zusammenhält: Menschen, Vereine, Ideen, Debatten und Hoffnungen.
Zurück im kleinsten Büro des Laufentals überträgt Lenz sein Fazit aus dem roten Journal auf die Schriftrolle: Das Wochenblatt ist der Spiegel des Laufentals, die Detektei seine Lupe. Erst gemeinsam wird das Bild scharf. Dann klappt er das Journal zu und macht sich auf den Heimweg. Der nächste Hinweis wartet vermutlich schon hinter der nächsten Haustüre.
Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch
«Das Wochenblatt wird fleissig gelesen. Leider gehen die Inserate trotzdem zurück.»








