Wald wird zur Gefahrenzone
Die Verantwortlichen der Forstbetriebsgemeinschaft Am Blauen rufen zu besonderer Vorsicht auf.
Region
Wenn die Sonne brennt, lockt die Erfrischung im Wald — dem Naherholungsgebiet vor der Haustüre. Doch hier lauern im Moment grosse Gefahren, lautet der Appell der Verantwortlichen der Forstbetriebsgemeinschaft Am Blauen. «Selbst Bäume, die noch vollständig belaubt und gesund erscheinen, können plötzlich abbrechen», warnt Co-Betriebsleiter Samuel Scheibler. «Nach aktuellem Forschungsstand wird das Holz durch die extreme Trockenheit spröde. Es kommt zu Spontanbrüchen, die selbst für Fachleute kaum vorhersehbar sind. Das macht die Situation besonders tückisch.» So passierte es letzte Woche. «Nachdem wir Warnschilder montiert hatten, krachten in der Nacht im stark frequentierten Gebiet zwischen Ettingen und Hofstetten nicht nur Äste, sondern ganze Bäume auf den Waldweg», führt Scheibler im Gespräch mit dieser Zeitung aus. «Dabei handelt es sich um 120 Jahre alte Buchen — die eine hat einen Umfang von 80 Zentimeter und der obere Teil knickte einfach um.» Die Situation sei mehr als besorgniserregend. Im Revier am Am Blauen wurden an 32 verschiedenen Orten Warnschilder montiert. «Viele Bäume stehen unter enormem Trockenstress und reagieren mit einem vorzeitigen Laubabwurf — das ist eine Überlebensstrategie. Leider sehen wir immer mehr Bäume, die diesen Stress nicht mehr überstehen.» Die Buche, die hier am meisten vorkommende Baumart, kommt mit dem Tempo der Veränderungen nicht mehr mit. Auch Bäume, die in der Forstwirtschaft als klimarobust gelten, haben derzeit zu kämpfen. Dies mache sich auch bei der Entwicklung der Jungbäume bemerkbar. «Es braucht gezielte Pflegemassnahmen. Möglich ist dies nur, wenn die dafür notwendigen Ressourcen finanziert werden», stellt Scheibler klar.
«Wo Menschen besonders häufig unterwegs sind, greifen wir mit der Sicherheitsholzerei ein, vor allem entlang von Strassen, Siedlungen und bei Aufenthaltsorten. Ein Restrisiko lässt sich jedoch nicht vollständig ausschliessen», betont Scheibler. Eine flächendeckende Kontrolle des gesamten Waldgebietes sei nicht möglich, gibt Scheibler zu bedenken. «Mittlerweile sind so viele Bäume betroffen, dass wir unmöglich jeden einzelnen kontrollieren oder rechtzeitig entfernen können», heisst es aus dem Revier.
Es braucht gezielte Fördermassnahmen
Hinweise aus der Bevölkerung auf offensichtlich geschädigte Bäume entlang solcher Infrastrukturen seien willkommen. Den freien Zugang zum Wald einzuschränken, liege in der Kompetenz der Kantonsregierungen, hält Scheibler fest. Als Teil des Leitungsteams der interkantonalen Forstbetriebsgemeinschaft Am Blauen weiss er, dass sich die lokalen und kantonalen Behörden der Bedeutung des Waldes bewusst seien, bei der finanziellen Unterstützung aber letztlich von der Bundespolitik abhängig seien. «Das Bekenntnis zum Schutz des Waldes muss von Bern aus kommen. Es braucht gezielte Fördermassnahmen. Diese kosten nicht einfach Geld, sondern sind eine Investition in die Zukunft, die der Wald in Form seiner wichtigen Funktionen als natürlicher Filter für das Trinkwasser und die Luft, seiner Schutzfunktion, als Schattenspender, Holzlieferant und Erholungsraum dereinst wieder zurückzahlt.»
Signal vom Bundesrat ist niederschmetternd
Die jüngsten Signale vom zuständigen Bundesrat seien niederschmetternd. Spätestens jetzt in diesem Sommer müsse allen klar sein: «Es ist nicht mehr bloss ein stilles Leiden. Der Wald, wie wir ihn kennen mit den alten Buchen und den hohen Kronen, stirbt», sagt Scheibler. «Unser Wald ist eigentlich widerstandsfähig, hat sich aber seit dem letzten Hitzesommer 2018 nicht mehr richtig erholen können. So trifft der aktuelle ausserordentlich heisse und trockene Sommer 2026 auf ein geschwächtes Ökosystem, welches nun aus dem Gleichgewicht geraten ist. In den kommenden Jahren gibt es mehr Jungwaldflächen und über Jahrzehnte entsteht vielleicht ein Wald vergleichbar mit mediterranen Wäldern mit Bäumen nicht höher als zehn, zwölf Meter», meint Scheibler. Zukunftsweisend werde sein, ob man jetzt bei der Nachwuchsförderung in die Vielfalt investiere. «Die Forstbetriebsgemeinschaft Am Blauen hat sich auf die Fahne geschrieben: Langfristig denken, doch jetzt handeln. Wir pflegen die klimarobusten Baumarten, schützen sie vor Wildverbiss und pflanzen wo nötig weitere Baumarten dazu. Die Jungwaldpflege ist wegweisend und sie erfordert Ressourcen».
«Nachdem wir Warnschilder montiert hatten, krachten in der Nacht nicht nur Äste, sondern ganze Bäume auf den Waldweg.»



