Schnitt für Schnitt zur Würde

Bei der Arbeit in ihrem mobilen Coiffeursalon dringt Anna Tschannen in die Welt von Menschen am Rand der Gesellschaft ein. Musikalisch untermalt und tänzerisch umgesetzt, liess sie das Publikum am Austausch mit einer besonderen Kundschaft teilhaben.

Eine haarige Sache: Anna Tschannen berichtet von ihren Erfahrungen mit ihren Kundinnen und Kunden, am Akkordeon begleitet sie Heidi Gürtler. Foto: Sabine Asprion
Eine haarige Sache: Anna Tschannen berichtet von ihren Erfahrungen mit ihren Kundinnen und Kunden, am Akkordeon begleitet sie Heidi Gürtler. Foto: Sabine Asprion

Das filigrane Drahtgeflecht liegt starr auf der kleinen Bühne im Heaven’s Pub in Himmelried. Anna Tschannen, Tänzerin und Performancekünstlerin, wird es im Verlauf des Abends tänzerisch zum Leben erwecken, es um sich schmiegen und wieder loslassen, wie eine Bürde auf dem Rücken tragen und auch damit kämpfen, die Verbindung dazu lösen zu können.

Sie verrät, dass die Requisite Haare symbolisiere, die als sichtbares Echo ihrer Texte im Raum verbleiben. Anna Tschannen schneidet in ihrem mobilen Coiffeursalon Haare im Haus für Obdachlose und auf der Empore der Elisabethenkirche. Aus den Gesprächen mit ihren Kundinnen und Kunden vom Rand der Gesellschaft sind Porträts entstanden, die einen Einblick in eine Welt bieten, von der wir meist nur einen Bruchteil sehen: Menschen, die ihr Hab und Gut in wenigen Taschen verstaut mit sich tragen, unsichtbar aber ein schweres Bündel mit ihrer Geschichte auf den Schultern.

Seit zwei Jahren ist Anna Tschannen zusammen mit der Akkordeonistin Heidi Gürtler unterwegs, welche die tänzerischen Intermezzi untermalt und den beschriebenen Menschen eine individuelle Melodie widmet. Texte, Musik, Tanz und Drahtgeflecht verweben sich so zu einem Gesamtkunstwerk in verschiedensten Dimensionen und für alle Sinne. Beide schätzen die künstlerische Freiheit und improvisieren gerne. Dennoch müssen auch sie üben, ausprobieren, trainieren und sich absprechen.

Die rund 20 Besucherinnen und Besucher, die das Pub füllen, lassen sich hineinziehen und berühren, wie Anna Tschannen ihre Erlebnisse mit Menschen schildert, die nicht auffallen wollen, gleichzeitig aber ein feines Sensorium für Veränderungen in der Gesellschaft haben. Ihre Kundinnen und Kunden geniessen es, für die Dauer eines Haarschnitts vorurteilsfrei da sein zu können und sich pflegen zu lassen. Sie bringen schwierige Erfahrungen und belastende Erinnerungen mit auf den Coiffeurstuhl. Da ist die junge Ukrainerin, die mit ihrem Sohn in der Schweiz wohnt, aber ihren Mann seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Eine 90-jährige Frau berichtet von der Verfolgung durch die Stasi in der DDR und gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass das Bundesgericht in Lausanne für Gerechtigkeit sorgen werde. So berührend die Erlebnisse auch sind, Anna Tschannen verfällt dennoch nicht in Sozialromantik. Sie legt offen, dass sie sich schon Unterstützung holen musste, weil sie von einem Kunden bedroht wurde. Sie kommt selber an Grenzen, wenn sie zu weit in die Geschichten der Menschen eindringt. Sie wischt sich die imaginären Haare von ihrem Körper und es wirkt, als würde sie damit auch ihre Rolle bei der Arbeit abschütteln und wieder zur Privatperson werden. Die Menschen wünschen sich von ihr Veränderung, Stärkung, manche auch Unsichtbarkeit. Das alles macht Anna Tschannen möglich. Und mehr noch: Mit jedem Schnitt gibt sie ihnen ihre Würde zurück.