In der Kluft um die Welt
Philippe Saner kehrt als Wandergeselle zurück nach Büsserach und erzählt von Gastfreundschaft, Freiheit und Alkohol.

Büsserach
Die Welt, aus der Philippe Saner heimgekehrt ist, lässt sich kaum in Worte fassen. «Man müsste acht Jahre Philosophie studieren, um das Erlebnis überhaupt erzählen zu können», sagt er.
Der Alltag auf der Walz war alles andere als romantisch. Ein typischer Reisetag sah laut Saner so aus: Zwischen sieben und acht Uhr morgens aufstehen, zwei Stunden zu Fuss aus der Stadt hinauslaufen, um einen guten Ort fürs «Autostöpplen» zu finden. Dann langes Warten. Manchmal sieben Stunden, wie einmal in Liverpool. «Man muss sich einfach einreden, dass es so sein muss. Alles geht vorbei», sagt der 26-Jährige. Meistens habe aber schnell ein Auto angehalten. In der Regel habe er nicht länger als eine halbe Stunde warten müssen.
Geld für Fortbewegung, Essen oder Unterkunft muss man auf der Walz gut einteilen, sagt Saner. Eine der Regeln ist, dass man mit fünf Franken loszieht und mit fünf Franken heimkehrt. Der Hintergrund: Die Wanderschaft soll selbsttragend sein. Man darf sich nicht bereichern, kein Erspartes ausgeben. Steuern und Krankenkasse zahlt man trotzdem. Der Gesellenlohn ist je nach Land sehr unterschiedlich. In Deutschland beispielsweise beträgt er rund zwanzig Euro pro Stunde, aber wer das Geld in Reisekosten investiert, hat es schnell wieder ausgegeben. Das ist keine Schikane, sondern Methode, sagt Saner. «Wenn du kein Geld für den Bus ausgibst, bist du ermutigt, auf Menschen zuzugehen.» Abends in der Bäckerei fragen, ob man Restbrot mitnehmen darf. Den Mittagstisch an einer Schule nutzen, bevor das Essen weggeschmissen wird. «Das ist leichter, als man denkt», sagt Saner lachend. Im Kino fragen, ob man gratis hinein darf — und hinten einschlafen. «Die lassen dich liegen, wenn sie deine Kluft sehen.»
Schlafplatz und Essen für eine Gegenleistung finden
Draussen schlafen ist auf Wanderschaft üblich. In London schlief Saner fünfzig Meter vom Trafalgar Square entfernt, vor einem Bürogebäude, neben fünf Obdachlosen. Einer sprach ihn an, erzählte seine Lebensgeschichte und warnte ihn: «Wenn du hier schläfst, lass den Schlafsack offen — sonst zünden sie euch nachts an.» Er erzählte ihm von Personen, die nachts Obdachlose anzünden würden. In Hamburg auf der Reeperbahn sei es dagegen problemlos gewesen. Morgens lagen Gipfeli und Kaffee neben ihm. «Manche Leute geben dir Geld, wenn du in der Kluft schläfst.» Gestohlen worden sei ihm nie etwas.
Unangenehme Situationen erlebte er trotzdem. Leute fotografierten ihn ungefragt oder rieben ihren Kopf an seiner Kluft, da dies Glück bringen soll.
An jedem zweiten Abend habe er für eine Gegenleistung auf einer Baustelle oder in einer Kneipe einen Schlafplatz und Essen gefunden, erzählt Saner.
«Was hast du für ein komisches Gewand an?» Mit dieser Frage begannen auf Saners Reise unzählige Gespräche. Im Fricktal durften Saner und sein Reisekamerad auf einer Baustelle auf Feldbetten schlafen. Am nächsten Morgen zogen sie weiter, da öffnete plötzlich eine Frau ihr Fenster und fragte: Habt ihr schon gefrühstückt? So sassen die beiden Gesellen zu Kaffee und Kuchen bei ihr im Wohnzimmer.
In den drei Jahren ist Saner weit über die Grenzen des Fricktals gereist. Er gelangte von Europa über Palästina bis nach Dubai. In Dubai zahlte ihm ein deutscher Tourist ein Flugticket nach Indien. Von Indien aus gelangte er nach Nepal, wo er sich mit anderen Wandergesellen traf.
Das Klischee, das lebt
Dann ist da noch das Thema, über das Philippe Saner offen spricht — viele aber lieber verschweigen: der Alkoholkonsum. In Handwerkerberufen gehört Bier zur Kultur. «Ein Handwerker trinkt Bier und isst Fleisch. Es ist komisch, wenn man dem nicht entspricht.» Am Anfang der Wanderschaft habe er gut mitgehalten. Einige Gesellen konnten zehn, zwölf Liter Bier trinken. Er erzählt von einem Job, wo es beim Dachdecken alle 20 Meter ein «Reihenbier» gab. Er habe nichts getrunken, die anderen hätten aber rund vier Liter während der Arbeit getrunken. In der Pause: Bier. Nach der Arbeit: Bier. Der Lehrling musste den Lastwagen fahren, obwohl er keinen Führerschein hatte. «Ich bin gegangen, weil ich es nicht mehr aushielt.»
Das Klischee des trinkenden Handwerkers — er lebte es gleichwohl. «Die, die kaputt waren, die waren vorher schon Alkoholiker. Die Wanderschaft macht dich nicht zum Alkoholiker. Sie zeigt es einfach.»
Nach einem Jahr auf der Walz trank er ein paar Monate nichts. Dann merkte er, dass ihm nichts fehlt. Auch körperlich und mental ging es ihm besser. «Ich habe gesoffen für ein ganzes Leben. Das ist mehr eine Ausrede», sagt er und lacht. Seit sechs Monaten trinkt er nichts mehr. Und er beobachtet, wie sich auch in seiner Zunft etwas verändert. Am Stammtisch — wo sich Reisende und Einheimische aus Basel, Schaffhausen, Luzern und Bern treffen — hätten letztens fünf von acht nichts getrunken. «Ich befürworte diese Entwicklung.»
Rückkehr nach Büsserach
Seine Wanderschaft endete im April im norwegischen Bergen. An einem Stammtisch verkündete er den Entscheid, dass er nun seine Wanderschaft beenden würde. Es gab ein grosses Fest und Saner wurde offiziell zu einem sogenannten «Rolandbruder». Als solches ist er festes Mitglied einer Gewerkschaft, weil er den Regeln der Wanderschaft entsprach. Anschliessend hat er seine Heimreise per Autostopp und als Dienstleister auf dem Schiff angetreten und erreichte am Samstag, 27. Juni Büsserach. Dort musste er über das Ortsschild «zurückklettern» — so, wie er auch weggegangen war — seine vor 3 ½ Jahren vergrabene Schnapsflasche ausgraben und sich einen Schluck genehmigen. Rund 25 Wandergesellen in der Kluft sowie Schaulustige und Angehörige feierten mit ihm die Rückkehr.
Zurück in der Schweiz
Zurück in der Schweiz ist vieles anders. Die Wanderschaft habe ihm Stressresistenz genommen — im positiven Sinne. Unterwegs war sein Zeitgefühl ein anderes. Auf der Walz fühlte er sich frei. Zurück im Alltag muss er wieder den gesellschaftlichen Rhythmus finden. Er fragt sich: «Wie sehr will ich überhaupt zurück?» Es ist keine Frage der Erschöpfung. Es ist eine Frage der Haltung.
Vieles, was er erlebt hat, behalte er für sich, sagt Saner. Die richtigen Worte zu finden, um das Erlebte zu erzählen, sei schwierig. Wenn eine Familie ihren letzten Hahn schlachtet, nur damit er etwas zu essen bekommt, könne man dies nicht verstehen. «Es ist wie wenn dir jemand erzählt, wie es war, zum ersten Mal sein Kind auf dem Arm zu halten. Das kann man nicht verstehen, bis man es selbst erlebt hat.»
Die Wanderschaft, sagt er, macht man für sich. «Aber sie darf keine Flucht sein. Viele finden die Freiheit nicht, weil sie es nie geschafft haben, ihre Lasten loszuwerden.»
«Ich habe gesoffen für ein ganzes Leben. Das ist mehr als eine Ausrede.»