Er rang seinem eigenen Tod noch eine Pointe ab

Eine neue Gedicht-Anthologie zeugt vom grossen Schalk des 1997 verstorbenen Dichters Dieter Fringeli. Seine besten Arbeiten beginnen jedoch dort, wo der Spass aufhört.

Im Thierstein aufgewachsen: Der Dichter Dieter Fringeli, 1997 in Nunningen aufgenommen. Foto: Erwin Zbinden
Im Thierstein aufgewachsen: Der Dichter Dieter Fringeli, 1997 in Nunningen aufgenommen. Foto: Erwin Zbinden

Schwarzbubenland

Kann man sich schöner mit seinem eigenen Tod versöhnen? «das leben gefällt mir auch ohne mich», notierte Dieter Fringeli um 1998, als er bereits schwer krank war. Danach legte er die Zeile zu einigen weiteren in eine Kartonschachtel. Ihre Veröffentlichung erlebte er nicht mehr. Im April 1999 starb der Schriftsteller 56-jährig an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Erst Jahre später sollte der Basler Verlag Nachtmaschine seinen letzten Lyrikband publizieren, in welchem ebenjener Vers irgendwo am Ende eines Absatzes zu lesen war. Eine verlegene Pointe, eigentlich eine Verschwendung.

Fast könnte man meinen, Rudolf Bussmann hätte sich Ähnliches gedacht: Nach eingehendem Studium des Werks seines Dichterkollegen hat der Basler die Anthologie mit dem Titel «das leben gefällt mir auch ohne mich» zusammengestellt. Soeben erschien der Band im Wallstein Verlag und macht bereits auf dem Buchdeckel deutlich: Ein Titel, mindestens, steckt in vielen Sätzen von Dieter Fringeli.

Auch die Kirche war vor dem Kalauer nicht sicher

Mitte des letzten Jahrhunderts wurde Fringeli als Sohn des Heimatdichters Albin Fringeli in Basel geboren. Er wuchs in Nunningen im Schwarzbubenland auf und veröffentlichte bereits als Vierzehnjähriger erste Gedichte in verschiedenen Lokalzeitungen. Von 1974 bis 1987 amtete er als Feuilletonredaktor der «Basler Zeitung». Daneben vermittelte und edierte er unermüdlich Schweizer Literatur und Mundartlyrik und brachte es selbst auf rund zehn Lyrikbände.

Die neue Anthologie umfasst auf 270 Seiten circa die Hälfte seines Oeuvres. Die Auswahl traf Bussmann nach eigenem Gutdünken und führt damit das Werk des Poeten konsequent weiter, der die Kunst der Verknappung wie wenig andere beherrschte. Oft wiegen seine Texte nicht mehr als drei Verse, viel Leerraum rundherum.

Als allererstes war die Sprache für Fringeli ein Wortspielfeld. Keine Redewendung konnte er stehen und leben lassen, selbst der eigene Tod war ihm als Pointe nicht zu schade. Ohne Punkt und Komma, dabei aber umso pointierter, arbeitete er sich auf Mundart oder Standarddeutsch am Volksmund ab oder deutete abgegriffene Wendungen um, wie es auch der Sprachkünstler Loriot nicht besser gekonnt hätte. Selbst die Kirche war vor dem Kalauer nicht sicher, wenn es da etwa heisst: «Der Pfarrer / schloss mich ein / in sein Gebet / Wie komme ich da / Wieder raus».

Fringeli brauchte keine Reime — und auf manches kann sich auch die Leserin keinen Reim machen. Über weite Strecken bleibt der Ton lakonisch, illusionslos. Fringeli scherzt und schäkert mit der Sprache, beherrscht die Kunst der heiteren Unterhaltung. Mal kann das lyrische Ich nur noch «in Anführungsstrichen reden», mal will es eine gute Falle machen und tappt selbst hinein.

Die schönsten Sätze behielt er sich für die Liebe vor

Doch seine besten Arbeiten beginnen dort, wo der Spass aufhört. Ohne an Verspieltheit einzubüssen, erhalten seine Worte eine andere Dringlichkeit, wenn Fringeli über die Liebe schreibt. Seinen amourösen Beziehungen widmet er Zeilen von schönster Unschärfe, für seinen Sohn Christoph schreibt er solche von rührendster Subtilität.

Als sein Künstlerkollege Mani Matter stirbt, resigniert Fringeli über der Tatsache, dass er über ihn nur «schlechte Gedichte schreiben» kann. Nie geht er verschwenderisch mit den Worten um, nie geizt er mit ihnen. Das wirklich Unaussprechliche steckt in der Denkpause, ergo, im Zeilenumbruch. Etwa, wenn es da heisst: «dich / ja hab ich / im kopf / machs dir bequem».

Ein ähnlicher Echoraum öffnet sich auch in den späten Texten, die vom Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit geprägt sind. Einiges verblüht zu früh, anderes altert zu schnell. Fringelis einziges Mittel gegen die Vergänglichkeit bleibt die Sprache. Sie gibt ihm Halt, ohne ihn gefangen zu nehmen. Dieter Fringeli mag das Leben, auch ohne sich selber gefallen zu haben. Seinen Gedichten bekommt das Weiterleben hingegen ausgesprochen gut.

«das leben gefällt mir auch ohne mich»Dieter Fringeli, herausgegeben von Rudolf Bussmann, Wallstein Verlag, 270 Seiten.

Dieter Fringeli und der «Schwarzbueb»

WoS. Dieter Fringelis Vater Albin Fringeli (1899–1993), Heimatdichter, Lehrer und Volkskundler, begründete gemeinsam mit dem Drucker und Verleger Josef Jeger den Jahr- und Heimatkalender «Dr Schwarzbueb», der 1923 erstmals erschien. Dieter Fringeli selbst steuerte später ebenfalls literarische Beiträge zum «Schwarzbueb» bei.

Auch Dieter Fringelis Ehefrau Ulla Fringeli ist eng mit dem traditionsreichen Jahrbuch verbunden. Albin Fringeli übergab ihr drei Jahre vor seinem Tod die Verantwortung für den «Schwarzbueb». Während 25 Jahren führte sie das Werk ihres Schwiegervaters weiter, bevor sie die Redaktionsverantwortung auf den Jahrgang 2018 an Klaus Fischer und Thomas Brunnschweiler abgab.

Die Tradition des «Schwarzbuebs» wird bis heute fortgeführt. Die 105. Ausgabe des Jahr- und Heimatbuchs erscheint im November. Vernissage ist am 17. November im Kloster Dornach. Im Moment besteht noch die letzte Möglichkeit, für den Nekrolog einen Nachruf einzureichen.