Eine neue Ölheizung installieren? «Auf keinen Fall!»

Nach dem Sommer der Extreme erklärt Volkswirtschaftsdirektorin Sibylle Jeker (SVP), wie sie Bauern und Bäuerinnen angesichts der Dürre helfen und den Treibhausgas-Ausstoss im Kanton Solothurn weiter senken will.

Setzt in der Energiepolitik auf Eigenverantwortung statt staatliche Verbote: Regierungsrätin Sibylle Jeker beim Interview im Rathaus. Foto: José R. Martinez
Setzt in der Energiepolitik auf Eigenverantwortung statt staatliche Verbote: Regierungsrätin Sibylle Jeker beim Interview im Rathaus. Foto: José R. Martinez

Region

Wir haben viel geschwitzt vergangenen Sommer. War es in Ihrem Büro im Rathaus einigermassen erträglich?

Sibylle Jeker: Wir haben lange davon geschwärmt, wie kühl es hinter diesen dicken Mauern ist. Aber irgendwann breitete sich die Hitze auch hier aus. Einmal haben wir 32 Grad gemessen, da lief uns allen der Schweiss herunter.

Wie gingen Sie mit der Hitze um?

Eine Mitarbeiterin, die Frühaufsteherin ist, öffnete jeweils um 6.15 Uhr die Fenster. Und wir liessen Ventilatoren laufen. Persönlich macht mir die Hitze weniger Mühe. Aber ich war dann doch froh, als ich während der Sommerferien auch aus dem Homeoffice arbeiten konnte.

Es war nicht nur heiss, sondern auch extrem trocken. Die Landwirtschaft war stark betroffen, gerade im Schwarzbubenland, wo Sie wohnen, haben die Landwirtschaftsbetriebe gelitten. Wie dramatisch war es?

Ausserordentlich. Bei uns im Schwarzbubenland sah es zeitweise aus wie in einer Steppe. Wobei die Situation in den Regionen sehr unterschiedlich war. Im Emmental zum Beispiel sah ich grosse und grüne Maisfelder, während die Pflanzen bei uns kaum mehr wuchsen. Das bringt die Bauernbetriebe in finanzielle Notlagen und belastet die Familien sehr.

Erschwerend kam hinzu, dass die Wasserentnahme aus Fliessgewässern zuerst eingeschränkt und schliesslich ganz verboten wurde. Wie wurde dies aufgenommen?

Das Amt für Umwelt war lange Zeit grosszügig, bis das Verbot schliesslich ausgesprochen wurde. Die Landwirtschaft zeigte grosses Verständnis für die Massnahme. Ich habe keinen einzigen bösen Brief oder ein verärgertes Mail erhalten. Der Zusammenhalt unter den Landwirtinnen und Landwirten ist gross.

Längst nicht alle Landwirtschaftsbetriebe haben Zugriff auf Fliessgewässer. Bauernsekretär Edgar Kupper fordert in einem Auftrag mehr Tempo beim Bau von Rückhaltebecken und Grundwasserbrunnen. Wie stehen Sie dazu?

Es gibt im Auftrag gute Ansätze. Etwa wenn es darum geht, den Wasserbezug ab Hydrant zu regeln. Es kann nicht sein, dass die Gebäudeversicherung diesen theoretisch einschränken könnte, weil es nicht im Gesetz geregelt ist. Hier sind wir offen für eine gute Lösung, um den Landwirtinnen und Landwirten zu helfen. Dazu sind wichtige Projekte wie «Swan» und «Water» bereits in der Umsetzung.

Die SP fordert eine Wasserstrategie, um die Versorgung zu sichern. Braucht der Kanton das?

Wie der Auftrag von Edgar Kupper ist auch dieser Vorstoss nicht allein in meinem Zuständigkeitsbereich. Es werden nun vermehrt Vorstösse zum Thema Hitze und Trockenheit eingereicht. Deshalb haben Bau- und Verkehrsdirektorin Sandra Kolly und ich beschlossen, departementsübergreifend zusammenzuarbeiten. Am Ende brauchen wir eine kantonale Einheit. Das zeigte sich exemplarisch bei der Waldbrandgefahr. An den wöchentlichen Sitzungen im Sommer tauschten sich die Amtsleitungen und weitere Zuständige aus und konnten rasch Lösungen erarbeiten.

Um Liquiditätsengpässe wegen der Trockenheit zu überbrücken, stellt der Bund Geld zur Verfügung. Wie viel fliesst in den Kanton Solothurn?

Der Kanton Solothurn rechnet mit einer Million Franken aus der Betriebshilfe. Doch die Darlehen sind an gewisse Voraussetzungen geknüpft, wie zum Beispiel eine Mindestbetriebsgrösse. Und sie müssen abbezahlt werden. Hohe Kosten und tiefe Erträge setzen viele Betriebe finanziell unter Druck. Für manche geht es sogar um die Existenz.

Wie kann sich der Kanton über die Landwirtschaft hinaus auf den Klimawandel einstellen?

Wir müssen uns anpassen. Ich kann mich gut an den Hitzesommer 2003 erinnern, damals war ich 20-jährig. Für die jungen Menschen war dies in erster Linie ein sehr schöner Sommer. 2026 habe ich es ähnlich wahrgenommen: Die Menschen wirkten sehr zufrieden, waren dank den langen, warmen Abenden ausgeglichener und glücklicher. Das ist der positive Aspekt.

Meinen Sie mit Anpassung auch Klimaanlagen?

Klimaanlagen wurden lange Zeit verteufelt. Doch inzwischen produzieren wir dank den Photovoltaik-Anlagen im Sommer so viel Strom, dass wir das schlechte Image aus den Köpfen bringen müssen. Viele Gemeinden sind bereits aktiv geworden und holen Offerten für Klimaanlagen ein, etwa für Schulhäuser. Das hat mich positiv überrascht.

Sie sprachen vom positiven Aspekt des vergangenen Sommers. Was ist der negative?

Dass es bis in den Herbst hinein so trocken blieb. Damit und mit der Wärme müssen wir auch als Regierung umgehen und departementsübergreifend Strategien und Massnahmen entwickeln.

Der Massnahmenplan Klimaschutz zeigte im Frühling erste zaghafte Erfolge: Die Treibhausgasemissionen des Kantons sinken. Ist man auf gutem Weg?

Die Massnahmen zeigen bereits positive Wirkung. Für eine genaue Beurteilung ist es aber noch zu früh. Dafür brauchen wir mehr Zeit und bessere Daten. Wir werden die Wirkung in den nächsten Jahren weiter beobachten und wie im Massnahmenplan vorgesehen regelmässig prüfen, wo Anpassungen nötig sind. Zentral ist es, die Bedingungen für Hauseigentümer so attraktiv zu gestalten, damit sie alternative Heizsysteme installieren. Das hilft, den CO2-Ausstoss in unserem Kanton weiter zu senken.

Sie sind Immobilien-Fachfrau und führten zusammen mit ihrem Mann eine Haustechnikfirma. Würden Sie Hausbesitzenden noch raten, eine Ölheizung zu installieren?

Auf keinen Fall. Auch ich heize zu Hause mit einer Wärmepumpe.

Also rechnet sich der Ersatz einer fossilen durch eine Heizung mit erneuerbarer Energie?

Angesichts der Ölpreise, bei denen wir zudem nie wissen, wie sie sich entwickeln, rechnet sich dies in vielen Fällen. Und dennoch kann es Einzelfälle geben, in denen das nicht möglich ist.

Die hohen Ölpreise betreffen auch die Autofahrer. Schlägt jetzt die Stunde der Elektroautos?

Ganz so weit sind wir noch nicht. Auch der Kanton kann nicht einfach seine ganze Fahrzeugflotte umrüsten. Doch die Fortschritte sind sichtbar. Auch ich fahre elektrisch. Mit einer Ladung schaffe ich es viermal über den Passwang und zurück. Inzwischen gibt es auch zahlreiche Ladestationen.

Zurück zu den Heizungen. Müsste der Kanton den Ersatz noch mehr fördern?

Da bin ich skeptisch. Oft ist es so, dass Fördermassnahmen die Situation eher noch verteuern können und die Gelder nicht beim Hausbesitzer landen, sondern teilweise durch administrativen Aufwand und zusätzliche Anforderungen aufgebraucht werden.

Gemäss aktuellen Zahlen des Bundes werden im Kanton Solothurn noch immer 60 Prozent der Gebäude fossil geheizt, nur vier Kantone stehen noch schlechter da. Wie interpretieren Sie das?

Interessant ist ja, dass diese Kantone alle über ein aktuelleres Energiegesetz als Solothurn verfügen. Folglich müssten wir am Schluss sein. Tatsache ist, dass es im Kanton verhältnismässig viele alte Liegenschaften und viele Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer gibt. Zudem habe ich Zweifel, ob die Statistik überall auf dem aktuellen Stand ist.

Wie meinen Sie das?

Als ich als Immobilienberaterin tätig war, stellte ich fest, dass die Heizungssysteme in den Gebäuden oft nicht mit den Angaben des Bundes übereinstimmten. Solche Änderungen müssen in den Daten nachgeführt werden, was offenbar nicht immer geschieht. Deshalb werden wir hier in Zusammenarbeit mit den Gemeinden die Datenlage sauber aufbereiten.

Ein Auftrag fordert, dass in Neubauten keine Öl- und Gasheizungen mehr installiert und ausgediente fossile Heizungen soweit wie möglich mit Erneuerbaren ersetzt werden müssen. Unterstützen Sie den Vorstoss?

Dazu kann ich keine Stellung nehmen, da wir den Vorstoss in der Regierung noch nicht behandelt haben. Bei der Frage nach dem Heizungsersatz kann ich aber auf den Kanton Zürich verweisen, der eine ähnliche Lösung bereits eingeführt hat. Eine fossile Heizung ist nur dann erlaubt, wenn die Kosten für eine erneuerbare Lösung über den ganzen Lebenszyklus mehr als fünf Prozent teurer sind. Faktisch ist dies ein Verbot und die Wahl des Heizungssystems wird somit eingeschränkt.

Dagegen wehren Sie sich?

Wir werden den Vorstoss sorgfältig prüfen. Aber zeigen Sie mir einen Neubau mit einer Ölheizung. Man kann sich schon fragen, warum es ein Verbot für etwas braucht, das ohnehin nicht mehr getan wird.

Nach dem Scheitern des Energiegesetzes 2025 wollten Sie eine mehrheitsfähige Lösung unterstützen. Der Vorstoss

hat 50 Mitunterzeichnende, das ist ein klares Signal.

Der Titel tönt sympathisch. Entscheidend ist aber die Regelung in der Praxis. Wenn Liegenschaftsbesitzende zuerst die technische Machbarkeit und die Kosten verschiedener Heizsysteme nachweisen müssen, entsteht zusätzlicher Aufwand aufseiten der Eigentümerschaft und der Verwaltung. Das ist für mich nicht automatisch unbürokratisch. Zudem war die Frage nach Verboten und Grenzwerten bei der Abstimmung zum Energiegesetz sehr umstritten.

Fast 58 Prozent lehnten die Vorlage ab.

Ja, diesen Entscheid müssen wir ernst nehmen und prüfen, ob der neue Vorschlag die damaligen Bedenken tatsächlich aufnimmt und respektiert.

Die Frage nach dem «wie weiter» der Grünen beim Energiegesetz schoben Sie auf die lange Bank respektive verwiesen auf Teilrevisionen. Ist das der richtige Ansatz, oder braucht es ein neues Gesetz?

Für mich ist entscheidend, dass der nächste Schritt praxistauglich und mehrheitsfähig ist. Ich bin derzeit aber noch unschlüssig, welches der richtige Ansatz ist. Mir ist bewusst, dass wir etwas tun müssen. So arbeitet etwa die Energiefachstelle mit dem kantonalen Gewerbeverband zusammen und führt gemeinsame Infoveranstaltungen für Gewer-betreibende durch, um sie über die Sanierungsmassnahmen und die dafür erhältlichen Förderbeiträge zu informieren.

Also Freiwilligkeit statt Vorschriften?

Mit verständlicher Information, überzeugenden Lösungen, Beratungen und Abklärungen neuer Möglichkeiten können wir die Bevölkerung zum Mitmachen gewinnen. Ein Beispiel hierfür ist Mariastein...

Das Kloster hatte sich gegen eine Holzschnitzelheizung entschieden und heizt stattdessen weiter mit Öl, was für Kritik sorgte.

Die Energiefachstelle hat daraufhin das Gespräch mit den Verantwortlichen gesucht. Nun suchen wir nach weiteren Lösungsmöglichkeiten. Wir müssen vermehrt aufklären und informieren.

Sie setzen stark auf Eigenverantwortung. Ist dies der Stempel, den Sie als SVP-Regierungsrätin der Energiepolitik aufdrücken wollen?

Ja, Eigenverantwortung ist mir wichtig. Die erneute Ablehnung des Energiegesetzes hatte vielen zuständigen Mitarbeitenden im Departement den Boden unter den Füssen weggezogen. Das ist auch verständlich, wenn man ein Geschäft so lange vorbereitet. Sie mussten wir zuerst wieder motivieren. Doch jetzt sind wir auf einem guten Weg, um Bewilligungsverfahren zu verschlanken, soweit dies mit Bundesvorgaben möglich ist. Ich freue mich auf den Austausch mit den Ämtern und die Debatte im Parlament, auch in Bezug auf den Vorstoss zum Heizungsersatz. Es ist wie in einer Ehe.

Man muss sich miteinander arrangieren?

Ich kann nicht nur meine Interessen durchboxen und alles so regeln, wie ich es selber gerne hätte. Es braucht Kompromisse.

Wie hat man im Departement den Wechsel von einer Grünen zu einer Vorsteherin aus den Reihen der SVP aufgefasst?

Natürlich setze ich andere politische Schwerpunkte als Brigit Wyss. Aber was ich sagen kann: Ich habe ein tolles Team mit sehr ambitionierten Amtsleitungen, die versuchen, meine Interessen wahrzunehmen. Sie stellen fest, dass ich etwa im Bereich der Innovationsstrategie, der Standortförderung oder Energiethemen weiss, wovon ich spreche. Die Arbeit macht mir Spass und ich spüre, dass dies auch in den Ämtern so ist.

«Bei uns im Schwarzbubenland sah es zeitweise aus wie in einer Steppe.»