Die Ökonomiegebäude mit neuem Leben füllen

Unter dem Motto «Alte Bauten sinnvoll nutzen» hielt Julio Gotor am Herbstanlass des Hauseigentümervereins HEV Dorneck-Thierstein ein Referat. Im Interview mit dem «Wochenblatt» beantwortet der Architekt Fragen zum Thema.

Am Herbstanlass: (v.l.) Ralf Kohler, Geschäftsführer der Kohler Holzbau AG, Roman Baumann, Präsident HEV Dorneck-Thierstein, und der Architekt Julio Gotor. Foto: zVg
Am Herbstanlass: (v.l.) Ralf Kohler, Geschäftsführer der Kohler Holzbau AG, Roman Baumann, Präsident HEV Dorneck-Thierstein, und der Architekt Julio Gotor. Foto: zVg

Zullwil

Am Herbstanlass des Hauseigentümervereins HEV Dorneck-Thierstein gab es Inputs zur Aufwertung alter Liegenschaften für die wohnliche Nutzung. Über 100 Gäste wurden in den Räumlichkeiten der Kohler Holzbau AG in Zullwil herzlich empfangen, mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt und erhielten Tipps von Geschäftsführer Ralf Kohler und von Gastreferent Julio Gotor. Der Architekt, der ursprünglich aus Spanien stammt und als Mitarbeiter des international tätigen Architekturbüros Herzog & de Meuron den Weg nach Basel fand, hat sich selbstständig gemacht (Studio Gotor) und hat — nach eigenen Angaben — die Vorzüge des Schwarzbubenlandes entdeckt, was ihn veranlasste, sich in Himmelried niederzulassen.

«Wochenblatt»: Was spricht dafür, im Schwarzbubenland in eine jahrhundertealte Immobilie zu investieren, anstatt sie abzureissen und das Land für einen Neubau zu nutzen?

Julio Gotor: Die alten Bauernhäuser mit ihren stillgelegten Stallgebäuden prägen die Ortsbilder der Region, sie sind identitätsstiftend. Gebäude aus früheren Jahrhunderten verkörpern aber nicht nur die historische Entwicklung. Man kann ihnen neues Leben einhauchen. Die Ökonomiegebäude dienten den Bauernfamilien in ihrem damaligen Alltag, dies kann man auf das heutige Leben anpassen. Aus einer alten Scheune könnte zum Beispiel eine Praxis, ein Büro, ein Atelier oder eine Werkstatt werden, sofern dies die Bau- und Zonenvorschriften der jeweiligen Gemeinde zulassen. Dies würde dazu beitragen, dass die Dörfer tagsüber lebendig bleiben.

Es geht also nicht nur um die wohnliche Nutzung?

Nicht nur, doch vor allem um massgeschneiderte Lösungen, zum Beispiel, dass aus einem Bauernhaus mit Ökonomieteil eine Liegenschaft wird, die den Bedürfnissen der älteren Generation entspricht und Raum schafft für die neue Generation. Oder dass die Liegenschaftsbesitzer durch den Einbau einer zusätzlichen Wohnung oder durch die Vermietung eines Büros eine zusätzliche Einnahme generieren. Wo früher Stufen waren, neu einen barrierefreien Zugang zu schaffen, bleibt eine Herausforderung. Doch mit den heutigen Technologien öffnen sich Türen, die bisher verschlossen waren.

Sie sind Zuzüger, wie sehen Sie die Region?

Meiner Meinung nach schlummert in den Gemeinden des Schwarzbubenlandes grosses Potenzial für die Verwirklichung von Projekten, die auf individuelle Wünsche zugeschnitten sind und den Gedanken der Nachhaltigkeit vertiefen. Jahrhundertealte Gebäude können erhalten werden und bieten der neuen Generation den Raum, den sie braucht. Oft ist es so, dass die Bausubstanz noch richtig gut ist, gerade auch bei Holzbalken. «Früher wurden teilweise ganze Baumstämme verbaut. Heute stehen uns zusätzlich moderne Holzprodukte wie verleimtes Holz zur Verfügung, die neue konstruktive Möglichkeiten eröffnen. Die Region verfügt über eine grosse Kompetenz im Holzbau. Hier findet man im Bereich Holzbau moderne Technologien, die basierend auf langjährigen Erfahrungswerten und fundiertem Wissen stetig verfeinert werden.

Wie sieht es beim Mauerwerk aus?

Natürlich muss jeder Fall individuell geprüft werden. Ich habe in der Region schon einige Objekte gesehen, bei denen die ursprünglichen Bauteile wiederverwertet werden konnten, Stichwort «Reuse». Mit den passenden Materialien bei der Innendämmung (zum Beispiel mit Kalkputz anstatt Gipsputz) lässt sich beim Erhalt des alten Mauerwerks ein modernes Raumklima erzielen.

Gehen die Gemeinden bei den Ortsplanrevisionen auf das Bedürfnis der Gestaltungsfreiheit ein?

Das kann je nach Gemeinde variieren. Die gesetzlichen Grundlagen der Raumplanung spielen eine wesentliche Rolle, sie können Anreize schaffen oder einem — je nachdem — das Leben schwer machen. Entscheidend ist die Bereitschaft der Liegenschaftsbesitzer, ein Projekt in Angriff zu nehmen und die Chancen zu sehen, die ein solches Vorhaben mit sich bringt. Natürlich ist es letztlich auch immer eine Frage der Finanzierung. Bei erhaltenswerten oder schützenswerten Bauten gibt es schon einige Hürden. Man staunt aber auch immer wieder, welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn man nach Lösungen sucht.

Lohnt sich der Gedanke der substanziellen Nachhaltigkeit auch finanziell?

Die Um- oder Ausbauten können mit den Massnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs und dem Verbannen des Öltanks verknüpft werden. Je nach Konzept lassen sich einige staatliche Fördergelder abholen. Mit einer guten Planung (Holzteile werden im Werk vorfabriziert) kann die Bauzeit verkürzt werden. Zudem könnte man das Gesamtprojekt gestaffelt realisieren. Grundsätzlich sollte es möglich sein, bei einem Um- oder Erweiterungsbau die Kosten tiefer zu halten als bei einem kompletten Neubau. Dies lässt sich aber nicht pauschalisieren, sondern hängt vom Projekt ab.