Das Schicksal eines Schiffsjungen
Linus Zimmer aus Nunningen hat beim nationalen Wettbewerb «Schweizer Jugend forscht» mit seiner Maturaarbeit eine Goldmedaille gewonnen. Ausserdem erhielt er den Sonderpreis «Luxembourg International Science Expo», gestiftet von der Fondation Jeunes Scientifiques Luxembourg und der Gamil-Stiftung.

Es begann mit einem Zufall. Seine Eltern fanden auf dem Flohmarkt Petersplatz in Basel das Tagebuch von Heinrich Schrage aus dem Jahre 1911 bis 1912. Sie dachten beim Kauf an ihren Sohn Linus Zimmer, damaliger Schüler des Gymnasiums Laufental-Thierstein, der sich schon lange für Geschichte und Geschichten interessiert. Und so war es auch bei diesem Tagebuch, das der Elsässer Schiffsjunge während seiner militärischen Ausbildung auf dem Kreuzer S.M.S. Hertha verfasst hatte. Dies nicht freiwillig, sondern als Pflicht im Rahmen des Unterrichts. Zimmer entschied sich, auf der Basis des Tagebuchs seine Maturaarbeit zu schreiben.
Schrage starb während des Ersten Weltkrieges 1915 beim Untergang der S.M.S. Bremen. Er wurde 21 Jahre alt und war einer von rund zehn Millionen Toten des Krieges — Individuen, «die auf dem Fliessband des Vernichtungskrieges» getötet wurden, «sodass ihr Wesen, ihr Denken und Fühlen der späteren Welt für immer verborgen blieben», wie Zimmer schreibt. Seine Idee war es, diesem «Verstummen» entgegenzuwirken. Denn «wenn wir unsere Vergangenheit im Schatten der oft so blendenden Zukunft erblassen lassen, verlieren wir nicht nur den Bezug zu denen, die vor uns waren, sondern auch zu uns selbst».
Träume und Wünsche
Als Erstes musste sich Zimmer der Kurrentschrift befähigen, in der das Tagebuch verfasst ist. Es folgten die Transkription des Tagebuches und zahlreicher weiterer Primärquellen, Besuche beim Deutschen Bundesarchiv in Freiburg und beim dem Strassburger Stadtarchiv sowie weitere Recherchen.
Schrage, 1894 in Monswiller geboren, verwaiste in jungen Jahren und verbrachte die Kindheit in einer Pflegefamilie, später im Waisenhaus. 1910 trat er in die Kaiserliche Schiffsjungendivision ein. «Mir war es wichtig», so Zimmer, «den Verstorbenen nicht auf seinen Tod als Soldat zu reduzieren, sondern einen menschlicheren Ansatz zum Krieg zu finden.» Die Zahl der Gefallenen sei zu abstrakt, als dass sie sich emotional oder menschlich erfassen liesse. «Ich wollte aufzeigen, dass man die Tragik vom Tod im Krieg erst richtig erfassen kann, wenn man rekonstruiert, was im Krieg zu Ende gegangen ist: ein Menschenleben mit Träumen, Wünschen, Hoffnungen.» Möchte man historische Prozesse verstehen, so müssten sie als unmittelbare Wirkung auf das Individuum analysiert werden.
Seine Maturaarbeit hat Zimmer vergangenen Sommer geschrieben. Danach absolvierte er die Rekrutenschule. Es folgten die verschiedenen Termine bei «Schweizer Jugend forscht». Da das Interesse an seiner Arbeit beachtlich ist, ist er seit einiger Zeit damit beschäftigt, einen Verlag zu suchen, der sie allenfalls in komprimierter Form zu publizieren bereit ist. Kommenden Herbst beginnt Linus Zimmer an der Universität Basel ein Geschichtsstudium, kombiniert mit Politikwissenschaft. «Germanistik würde mich», so Zimmer, «auch interessieren.»