Beten mit allen Sinnen statt herunterplappern
Im Rahmen eines Besinnungstags des Pastoralraums Thierstein hielt Thomas Brunnschweiler einen Vortrag über das Wichtigste aller christlichen Gebete: das «Vaterunser».

Breitenbach
Der vergangene Samstagmorgen begann bei der katholischen Kirche Breitenbach mit einem Körpergebet. Der «Wüstentag», so der Name dieses alljährlichen Besinnungstags in der Fastenzeit, beinhaltete mehrere Ateliers zum Tagesthema «Vaterunser». Germanist und Theologe Thomas Brunnschweiler referierte im Anschluss an die Begrüssungszeremonie zu diesem jedem Christen bekannten Gebet. Gerade weil das «Vaterunser» allen christlich Gläubigen praktisch in die Wiege gelegt wird, birgt es die Gefahr mechanischen Herunterbetens. Brunnschweiler ging auf die Erwähnung des Gebets im Matthäusevangelium 6 und im Lukasevangelium 11 ein. «Ja, es gibt gute Gründe, dass das Vaterunser von Jesus stammt», erklärte der Theologe und lieferte dazu drei Gründe: «Es fügt sich in die jüdische Welt des ersten Jahrhunderts ein und ist verwurzelt in der jüdischen Gebetspraxis. Es ist ein Gebet Jesu und enthält keine Aussage über ihn selbst. Es stimmt vollkommen überein mit dem, was wir von der Verkündung Jesu wissen.»
Zehn Sätze haben es in sich
Das «Vaterunser» sei offen für alle auf der ganzen Welt, reduziere sich auf das Wesentliche — Brot, Vergebung, Bewahrung vor der Versuchung — und lobe den Vater als den Erzeuger, als Schöpfer der Welt und letztlich als Quelle des Lebens.
Schliesslich ging Thomas Brunnschweiler auf die theologische Tragweite ein, die er mit der Interpretation aller zehn einzelnen Sätze unterstrich. Zu «unser Vater im Himmel» zitierte der Referent den Theologen Dietrich Bonhoeffer: «Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.» Das sei ein Paradox, das wir nicht auflösen können, so Brunnschweiler. Bei «Unser Vater» gehe es um die Gemeinschaft. «Es kann also nicht sein, dass eine christliche Nation einer anderen die Vernichtung wünscht», erklärte Thomas Brunnschweiler mit Andeutung auf die aktuellen Kriege in der Welt.
«Geheiligt werde dein Name»
Dieser werde zu oft entweiht, wenn er für persönliche, geschäftliche oder politische Zwecke ausgenutzt werde. Ein in die Präsentation eingefügtes Bild des aktuellen amerikanischen Präsidenten illustrierte diese Aussage. Das Bild von «Dein Reich komme» sei im Leben Jesu allgegenwärtig gewesen und das Kreuz die Konsequenz seines beispielhaften Lebens auf Erden. Thomas Brunnschweiler wies unter anderem auch auf das zentrale Gebot der Liebe hin. Er ordnete das «Vaterunser» als Bestandteil der Bergpredigt (Matthäus 5-7) ein und unterstrich den Grundsatz im Judentum, dass kein Mensch vollkommen sündlos sein könne, was letztlich auch für das Leben Jesu galt. Ein wichtiger Aspekt beim Interpretieren des Gebets aller Gebete sei die Fähigkeit, zu vergeben: «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Die Fortsetzung des Tages war dem Yoga (mit dem Körper beten), dem genussvollen einfachen Essen, dem Tanz («Vaterunser» tanzen) und dem Besuch der Ausstellung «Vaterunser» in der Werktags-Kapelle (die öffentlich zugänglich ist) geweiht. Eine Taizé-Abschlussfeier beschloss den Wüstentag.