«Es gibt nichts, was es nicht gibt»

Oberamt-Leiterin Lilly Gygi geht in Pension. Im Gespräch mit dem Wochenblatt geht es auch um verrückte Geschichten in ihrer 44-jährigen Zeit im Amthaus in Breitenbach.

<em>Lilly Gygi: </em>Die Oberamt-Leiterin vor dem Amthaus in Breitenbach.Foto: Bea Asper
<em>Lilly Gygi: </em>Die Oberamt-Leiterin vor dem Amthaus in Breitenbach.Foto: Bea Asper

Zwangsräumung eines Einfamilienhauses mit 100 Katzen: «Das war auf den ersten Blick eine haarsträubende Angelegenheit», erinnert sich Lilly Gygi im Gespräch mit dem Wochenblatt. «Doch letztlich konnten wir mit Unterstützung des Tierschutzes für alle Beteiligten eine würdige Lösung finden.» Gygi verabschiedete sich letzte Woche von ihren Arbeitskollegen und geniesst nun den Ruhestand. Die Arbeit werde ihr fehlen, räumt sie ein. «Ich mochte meinen Job.» Der brachte einige Aufregung mit sich. «Ja, ich erlebte die verrücktesten Geschichten, es gibt nichts, was es nicht gibt.» Als Leiterin des Oberamtes stand sie nicht selten Menschen gegenüber, welche Verwaltungsverfügungen schlicht und einfach ignorieren oder den Aufstand proben. Gygi lotete dabei die Kompromissmöglichkeiten aus, setzte auf Menschlichkeit und nicht auf Paragrafenreiterei. «Damit machte ich mir das Leben mit Solothurn nicht einfach», meint sie. Doch der Erfolg gab ihr Recht. Selbst in (beinahe) aussichtslosen Fällen brachte sie Widerständler zum Einlenken oder erreichte, dass Spinnenfeinde sich die Hand reichten und auf zermürbendes Prozessieren verzichteten. Es ging um Vollzugmassnahmen im Sozialen, um Kindesschutz, um Alimente, manchmal auch um Rückbauten, um Zwangsräumungen und Beschlagnahmungen, um Mietstreitigkeiten und um das Verhalten von Hunden und ihren Haltern. «Ich hätte zum Beispiel einem beschuldigten Hundehalter eine Verfügung schicken können, dem Hund einen Maukorb zu verpassen oder ihn nicht mehr von der Leine zu lassen. Doch ich wollte den Menschen ein Entgegenkommen ermöglichen – im Wissen darum, dass Einsicht der bessere Weg zur Lösungsfindung ist als eine Verfügung.» Deswegen war ihre Devise: «Lieber noch einmal das Gespräch suchen als rigoros durchzugreifen und sich auf den Standpunkt stellen: rechtliches Gehör gewährt, Frist abgelaufen, Verfügung raus.» Dass sie auch mal unter die Räder kam, brachte sie nicht ab von ihrem «grundsätzlich aufgestellten» Menschenbild. «Die eine oder andere Beschimpfung über sich ergehen zu lassen, gehört einfach mit dazu», sagt Gygi in einer gelassenen Selbstverständlichkeit. Dies zeichnet sie aus und dies forderte sie von ihren Mitarbeitenden ein: «Den Unmut der Bürger gegen die Verwaltung nicht persönlich zu nehmen. Doch sich mit persönlichem Engagement dafür einzusetzen, dass aus einer Mücke kein Elefant wird.» Die Erfahrung habe sie gelehrt, dass man mit Verständlichkeit und gesundem Menschenverstand mehr erreicht als mit reinen Verwaltungsbegriffen – «vor allem im Amthaus von Breitenbach: Die Thiersteiner und auch die Dornecker sind nämlich alles andere als obrigkeitsgläubig», sagt sie.

Langeweile wird nicht aufkommen, führt Gygi aus. «Ich werde es nun geniessen, Versäumtes nachzuholen, – zum Beispiel das ausgiebige Entdecken fremder Länder und anderer Kulturen.» Doch vielleicht wird sie auch in Gremien mitwirken. Der Neutralität zuliebe verzichtete sie während ihrer Amtszeit darauf, ihrem politischen Interesse aktiv nachzugehen. Mit ihrem reichen Erfahrungsschatz und ihrem ausgeprägten Menschengespür weiss sie, was das Schwarzbubenland braucht. Als letzte Amtshandlung hat sie dafür gesorgt, dass Solothurn die Schwarzbuben nicht auf die andere Seite des Passwangs aufs Oberamt zitiert. Allerdings nur vorläufig. Wie es mit der Umstrukturierung weitergeht, ist noch offen. Eine Arbeitsgruppe ist daran, die Aufgaben der Oberämter im Kanton zu überdenken. Als Schlichtungsstelle für Mietstreitigkeiten, Aufsichtsstelle bei Wahlen und Abstimmungen, Alimenteninkasso, als Vollzugsstelle für polizeiliche Massnahmen sowie für Verfügungen gegen Tierhalter steht nun der Vorschlag zur Diskussion aus dem Oberamt eine Art regionale Friedensrichterstelle zu machen. Gygi hält diesen Vorschlag für prüfenswert. «Wenn Streitigkeiten unter Bürgern und gegen Amtverfügungen frühzeitig und mit wenig Aufwand geschlichtet werden können, wird der Staat viel Geld einsparen», gibt sie zu bedenken.

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