Von der Hutmacherin zur Gründerin eines Energieprojekts

Svanette Belka will in Zullwil eine Lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) gründen. Damit soll Solarstrom innerhalb der Gemeinde günstiger genutzt werden. Svanette hofft auf möglichst viele Teilnehmende und einen Start im April 2027.

Sieht Potenzial in der Gemeinde: Svanette Belka auf ihrem Hausdach mit Photovoltaikanlage.  Foto: Gaby Walther

Sieht Potenzial in der Gemeinde: Svanette Belka auf ihrem Hausdach mit Photovoltaikanlage. Foto: Gaby Walther

Am Gerichtshof für Menschenrechte  in Strassburg am 9. April 2024: Svanette Belka (2. v. r.) mit zwei Studierenden und Greta Thunberg (l).  Foto: zVg

Am Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg am 9. April 2024: Svanette Belka (2. v. r.) mit zwei Studierenden und Greta Thunberg (l). Foto: zVg

Zullwil

Hat Svanette Belka eine Idee, zögert sie nicht lange, sondern setzt sie sofort um. 30 Jahre lang führte sie erfolgreich einen Hut-Atelier-Laden in Dornach und behütete ihre Kundinnen zwanzig Jahre lang im Kult-Hut-Pavillon an der Herbstmesse auf dem Petersplatz. Vor fünf Jahren verkaufte sie ihr Dornacher Geschäftshaus und baute in Zullwil ihre «Villa Sonnenglück». «Ich habe ADHS», erklärt die 68-Jährige. Sie muss das nicht erwähnen. Es ist schnell klar, dass es ihr schwerfällt, ruhig zu sitzen, und dass sie voller Energie steckt. Energie ist auch das Thema ihres aktuellen Projekts, das sie nun umsetzen möchte.

Die Öl- und Benzinpreise steigen drastisch. Glücklich, wer auf Strom setzen kann. So auch Svanette. Kontinuierlich hat sie ihr Haus, in dem sie ein B&B betreibt, mit Solarpanels auf dem Dach erweitert, sodass sie heute die Sonnenstrahlen aus drei Himmelsrichtungen einfangen und so genug Strom produzieren und abgeben kann. Diesen verwendet sie für ihr Elektroauto, die Wärmepumpe, für den Naturteich, die Sauna, für den Eigenverbrauch und ihr B&B.

Tieferer Strompreis

Ein Artikel in einer Zeitungsbeilage von EnergieSchweiz mit dem Titel «Solar, lokal, clever», den sie seit Januar zum Lesen beiseitegelegt hatte und den sie vor ein paar Tagen endlich gelesen hat, bewegte sie zur Gründung einer Lokalen Energiegemeinschaft (LEG). Seit Anfang 2026 ist dies in der Schweiz gesetzlich möglich. «Eine LEG ermöglicht es, lokal produzierten Solarstrom gemeinschaftlich kostengünstiger zu nutzen und so die Netze zu entlasten. Davon können sowohl Hausbesitzerinnen und Stockwerkseigentümer mit einer PV-Anlage als auch Haushalte ohne eigene PV-Anlage profitieren», erklärt Svanette in ihrem Rundschreiben, das sie bereits an alle Haushalte in Zullwill verteilt hat. «In Zullwil gibt es bereits 30 Photovoltaikanlagen und es wäre sehr fortschrittlich, wenn möglichst viele an diesem Projekt teilnehmen würden», sagt die gebürtige Deutsche. Profitieren von günstigerem Strom würden alle Beteiligten. Wer mit seiner Photovoltaikanlage mehr Strom produziert, als er selbst benötigt, kann den Überschuss an andere Teilnehmende verkaufen. Damit wird lokal erzeugte Energie möglichst dort verbraucht, wo sie entsteht, und die Preise wären tiefer als jene des Stromproduzenten. In Zullwil ist dies die Primeo Energie. Auch innerhalb einer LEG bleibt Primeo Energie für Messung, Netznutzung und Reststromversorgung zuständig. Die direkte Kundenbeziehung zu den Teilnehmenden bleibt somit bestehen.

Beispiel Lupsingen

Das Modell funktioniert bereits in Lupsingen. Dort wurde die erste LEG anfangs Jahr mit 70 Teilnehmenden gegründet. Besonders interessant ist das Modell in der Gemeinde aufgrund der Topografie. Je nach Lage und Ausrichtung produzieren die Solaranlagen zu unterschiedlichen Zeiten Strom. Ein Haushalt kann zeitweise Strom verkaufen und zu anderen Zeiten Solarstrom von anderen Mitgliedern beziehen. So lässt sich die lokale Produktion besser gemeinsam nutzen. Manuel Ballmer aus Lupsingen hat dafür eine LEG-App entwickelt. Mit ihm ist Svanette im Austausch, da er aufgrund seiner Erfahrung die Gründung einer LEG mit allen Verträgen und Anmeldungen unterstützen kann.

Klimaseniorin

Es ist aber nicht nur der kostengünstigere Energiepreis, der Svanette antreibt. Seit ihrer Jugend beschäftigt sich die Mutter von vier erwachsenen Kindern mit dem Thema Klimaschutz. Sie war in Basel mit dem Umweltaktivisten Martin Vosseler befreundet. Als Klimaseniorin war sie im April 2024 an der Urteilsverkündung in Strassburg, wo auch Greta Thunberg anwesend war. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte, dass die Schweiz ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen beim Klimaschutz verletzt hat. Das Land unternehme zu wenig gegen die fortschreitende Klimaerwärmung und verletze damit die Rechte der Beschwerdeführerinnen.

Svanette ist überzeugt, dass mehr für die Umwelt getan werden muss. So ruft sie die Bevölkerung von Zullwill auf, bis zum 15. November an der Umfrage teilzunehmen. «Wenn sich genügend Interessenten zusammenfinden, können wir vor dem Jahreswechsel das Projekt bei der Primeo einreichen und im April 2027 die LEG in Zullwil starten.»