Emotionales Thema einer Grenzregion

«Die beunruhigende Entwicklung in unseren Nachbarländern geht nicht spurlos an uns vorbei», geben Vertreter der Landwirtschaft im Solothurnischen Leimental zu bedenken.

Robert Dreier: Der Präsident des Solothurner Bauernverbands hat seinen Vieh- und Ackerbaubetrieb in der Grenzregion, nämlich in Metzerlen. Foto: Bea Asper
Robert Dreier: Der Präsident des Solothurner Bauernverbands hat seinen Vieh- und Ackerbaubetrieb in der Grenzregion, nämlich in Metzerlen. Foto: Bea Asper

In Frankreich, teilweise nicht weit weg von der Schweizer Grenze, wurden im Kampf gegen die Rinderseuche Lumpy Skin ganze Herden gekeult. Die Polizei griff vehement ein und riegelte die betroffenen Betriebe ab. Da der Veterinärdienst nicht nur die kranken Tiere eliminierte, sondern gegen den Willen der Eigentümer auch alle gesunden Rinder auf dem Betrieb tötete, kam es landesweit zu Ausschreitungen und zu Strassenblockaden, die von den Bauernverbänden organisiert wurden und über die Weihnachtszeit andauerten. Es sei der Kampf gegen das «totale Massaker», heisst es auf den Plakaten.

Betroffenheit in Rodersdorf

«Die Vorgehensweise der französischen Behörden hat auch bei uns tiefe Betroffenheit ausgelöst», sagt Adrian Schaad vom Lebenshof Strengenhof in Rodersdorf. Er und viele andere Landwirte im Leimental bewirtschaften Land im Elsass und stehen im Austausch mit den französischen Berufskollegen. «Aus dem Alltag der Grenzregion kennen wir die Fakten und die Abhängigkeiten. Die Entwicklung im Nachbarland ist besorgnis-erregend und sie wird nicht spurlos an uns vorbeigehen», gibt Schaad zu bedenken. Nebst dem Kampf gegen die Lumpy- Skin-Krankheit (noduläre Dermatose), die über Insekten übertragen wird, hat sich die Lage letzte Woche durch den Entscheid der EU-Kommission, mit Südamerika das umstrittene Freihandelsabkommen zu unterzeichnen, das den zollfreien Import von jährlich 99000 Tonnen Fleisch vorsieht, zugespitzt. Dies sei der Todesstoss für die heimische Landwirtschaft, kommentierten die Vertreter der Bauernverbände. Sie sorgen derzeit in den Staaten rund um die Schweiz für Strassenblockaden und kündigten eine grosse Protestaktion in Strassburg vor dem Europäischen Parlament an.

Ackerbaubetrieb in Grenzregion

Robert Dreier, Präsident des Solothurnischen Bauernverbandes und Mitglied der Schweizer Landwirtschaftskammer, teilt die Sorgen der europäischen Berufskollegen. Dreier hat seinen Vieh- und Ackerbaubetrieb in der Grenzregion, in Metzerlen. Der Kanton Solothurn zähle insgesamt 1200 Bauernbetriebe. «An der Delegiertenversammlung im Februar wird sich zeigen, wie die Stimmung ist. Regierungsrätin Sybille Jeker und der Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, Christian Hofer, haben zugesagt, vor Ort zu sein und einen Ausblick zur Agrarpolitik 2030 zu machen», sagt Dreier. «Bis jetzt gibt es bei uns noch keinen Fall der Lumpy-Skin-Krankheit. Wir beobachten die Entwicklung in Frankreich, wo eine grosse Impfaktion in Gang ist.» In einem Fall, und zwar im Departement Doubs, also an der Grenze zur Westschweiz, sei es vorgekommen, dass die französischen Behörden selbst die Tötung geimpfter Tiere verordnet haben. «Abklärungen zeigen, dass auch in der Schweiz das Schlimmste zu befürchten wäre, sollte sich ein Verdacht auf Lumpy- Skin-Krankheit bestätigen. Der Veterinärdienst des Kantons Solothurn sagte mir, dass die Vorgehensweise dem Europäischen Protokoll gleichen würde, also, dass die Keulung des ganzen Bestandes in Betracht gezogen würde und dass es innerhalb einer festgelegten Zone für alle Rinder-Betriebe eine Impfpflicht geben würde», führt Dreier aus. «Das Thema ist hoch emotional».

Import von Billigfleisch

Auch bezüglich Grenzschutz sei der Solothurner Bauernverband gefordert, führt Dreier aus. «Die Schweiz hat bereits letzten Herbst mit den Mercosur-Staaten ein Freihandelsabkommen abgeschlossen, das ebenfalls den Import von Billigfleisch beinhaltet. Die Verträge und die flankierenden Massnahmen werden demnächst vom Bundesparlament behandelt werden. Ich gehe davon aus, dass die eine oder andere Partei das Referendum ergreifen wird», meint Dreier. Das sei der grosse Unterschied zu den Nachbarstaaten: «In der Schweiz müssen sich die Landwirte nicht durch Strassenblockaden Gehör verschaffen. Sie sind aber gefordert, in den nationalen und kantonalen Abstimmungen Präsenz zu markieren und mit Argumenten zu überzeugen.»

Selbstversorgungsgrad soll nicht noch tiefer sinken

«Natürlich ist das Interesse der Schweiz gross, Industriegüter zollfrei nach Südamerika zu exportieren, doch wenn dies zum Schaden der heimischen Landwirtschaft erfolgt, ist der Preis dafür zu hoch», so Dreier. Moralisch gesehen sei es jedenfalls bedenklich: «Während die Landwirte im eigenen Land immer mehr Auflagen erfüllen müssen, mit steigenden Produktionskosten und sinkenden Erträgen zu kämpfen haben, werden zollfrei billige Nahrungsmittel aus Ländern importiert, in denen Gentechnik, Hormonbehandlungen und gesundheitsschädigende Pflanzenschutzmittel und Dünger erlaubt sind.» In der Schweiz könne sich das Volk dazu äussern, im Ausland führten der von oben verordnete Druck auf die Landwirtschaft und das empfundene Ungleichgewicht zu Unruhen, resümiert Dreier. Der Solothurner Bauernverband werde sich dafür einsetzen, «dass der Selbstversorgungsgrad (50 Prozent) der Schweiz nicht noch tiefer sinkt».