Ein Blick ins Thierstein des 19. Jahrhunderts
Nach sechs Jahren Arbeit hat Willi Spaar sein Buch «Leben und Wandel im Thierstein 1830 bis 1900» vollendet. An der Vernissage am 18. Januar, stellt er das 320-seitige Werk in Breitenbach vor.

«Geschichte interessierte mich lange nicht», sagt Willi Spaar. Als er sich mit 40 Jahren mit einer Auswanderung von Breitenbach nach Amerika beschäftigte, entdeckte er seine Faszination für historische Geschichten. So begann er nach seiner Karriere im Bankgeschäft als Pensionär mit der Arbeit an seinem Buch über das Thierstein von 1830 bis 1900. Eine zentrale Rolle spielte dabei seine Mutter Helen Spaar-Stebler (1924–2019). Sie hatte selbst Freude an Geschichte und bewahrte zahlreiche Zeugnisse der Vergangenheit auf. Sie unterstützte ihren Sohn, indem sie sämtliche Breitenbacher Gemeindeprotokolle von 1830 bis 1910 in die heutige Schriftsprache transkribierte. Rund 4000 handgeschriebene A4-Seiten liegen heute im Gemeindearchiv. «Für sie war das im Alter von rund 80 Jahren eine grossartige Aufgabe», erzählt Spaar.
Das Buch behandelt die Zeit vom Balsthalertag am 22. Dezember 1830 bis zur Jahrhundertwende um 1900, dem Beginn der Industrialisierung im Thierstein. Es ist eine Epoche grosser Veränderungen: 1831 wurde eine neue Kantonsverfassung verabschiedet, Breitenbach wurde Bezirkshauptort, und ab 1836 wurde das Führen eines Zivilstandsregisters obligatorisch.
Anhand von Büchern, Zeitungen und Dokumenten ging Spaar Fragen nach dem Alltag der Menschen nach: Welche Sorgen und Ängste hatten sie? Wie lebten sie, arbeiteten sie, glaubten sie? Welche politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen prägten die Region? Im Museum Laufental sichtete er dazu alle Ausgaben des «Birsboten» von 1868 bis 1900. Die Zeitung bestand damals fast ausschliesslich aus eingesandten Berichten der Gemeinden und Inseraten.
Deutlich wird bei seiner Recherche die grosse Armut im Thierstein. «Die Gemeinde rief die Bedürftigen sogar auf, betteln zu gehen», erzählt Spaar. Vor der Verbreitung der Kartoffel stand oft die weisse Rübe auf dem Tisch, ergänzt durch einfache Speisen wie Milch, Knöpfli oder dürres Obst. Ein amtlicher Bericht von 1847 schildert die Notlage eindrücklich, ebenso eine ärztliche Aussage von 1883: «Die Leute werden von den Läusen gefressen.» Spannend seien die Berichte und Inserate zum Thema Auswanderung. Das muss ein grosses Geschäft gewesen sein. Ebenso verbreitet waren Wucherzinsen, da es an Banken fehlte, so Spaar.
Das Buch ist ein Fundus an zahlreichen Themen. Es gibt Einblick in eine Zeit, die wir uns heute so nicht mehr vorstellen können. Es ist eine Zeit, in der das Gemeindewesen, politische Mitsprache, Bildung und Recht entstanden. Auch Willkür, soziale Spannungen und die grosse Macht der Kirche werden thematisiert. Spaar schildert etwa den Fall eines Pfarrers, der einem Kind die Taufe verweigerte, weil dessen Mutter bei FDP-Angehörigen arbeitete. «Ich bin ein religiöser Mensch», sagt Spaar, «aber was sich die Kirche damals erlaubte, ist unglaublich.» Er beschreibt, wie in den 1840er-Jahren die liberale Regierung im Schwarzbubenland verschiedene Strassen bauen wollte, so unter anderem vom Klösterli (Kleinlützel) nach Röschenz. Da sei der adelige Solothurner Thiersteiner-Grossrat von Sury im Kantonsratssaal aufgestanden und habe der Regierung Folgendes zugerufen: «Was, was? Ihr wollt den Schwarzbuben Strassen bauen?! Für was brauchen sie diese Strassen? Sie haben ja nur Geissen!»
Spaar lässt in seinem Buch vor allem die Quellen sprechen. Eigene Kommentare setzt er bewusst sparsam ein. Wichtig war ihm zudem, dass das Buch vollständig im Thierstein entstand — vom Lektorat über das Layout bis zum Druck. «Ich bin seit 30 Jahren im Vorstand des Gewerbevereins Thierstein engagiert, das war für mich selbstverständlich», sagt er.
Mit dem Jahr 1900 endet die Geschichtsschreibung. Material für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg hätte Willi Spaar jedoch noch genug. Vielleicht, so sagt er, werde es eines Tages eine Fortsetzung geben.
Vernissage «Leben und Wandel im Thierstein 1830 bis 1900»: Sonntag, 18. Januar 2026, 15.00 Uhr, Pfarreiheim Breitenbach. Musikalische Umrahmung Isidor Lombriser und Céline Steiner unter anderem mit dem Heimatlied «s’Gilgenberger Lied» und anderen Songs aus der Gegend.