Der Barber von Blauen

Lenz’ Frisur ist überfällig. Sie spriesst in alle Richtungen, dort, wo noch ein Restbestand an Haaren übrig ist. Im Laufental erhält er einen Insider-Tipp: In Blauen soll ein 15-jähriger Friseur in einer Scheune bedienen. Ein Selbstversuch.

Friseursalon auf dem Dachboden: Christopher Spain verpasst seinem Freund Benjamin Aemisegger einen neuen Haarschnitt. Foto: Mark Riklin

Friseursalon auf dem Dachboden: Christopher Spain verpasst seinem Freund Benjamin Aemisegger einen neuen Haarschnitt. Foto: Mark Riklin

Talentscouting auf dem Barberstuhl: Das neuste Exponat der «Fragen ans Laufental» sucht im Regal von «Chris Cut» nach Antworten. Foto: Patrick Neuenschwander

Talentscouting auf dem Barberstuhl: Das neuste Exponat der «Fragen ans Laufental» sucht im Regal von «Chris Cut» nach Antworten. Foto: Patrick Neuenschwander

Dringender Handlungsbedarf: Jonas Lenz lässt den eigenen Kopf bei «Chris Cut» wieder in Form bringen. Foto: Patrick Neuenschwander

Dringender Handlungsbedarf: Jonas Lenz lässt den eigenen Kopf bei «Chris Cut» wieder in Form bringen. Foto: Patrick Neuenschwander

Aus den Aufzeichnungen von Jonas Lenz: Episode 10

Der neuste Hinweis kommt über sieben Ecken. In Blauen soll es ein Friseur-Talent geben, der Jugendlichen die Haare schneidet. Zur vollsten Zufriedenheit seiner Kunden. Eine günstige Gelegenheit, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: einen neuen Fall aufspüren, ein verborgenes Potenzial entdecken und nebenbei den eigenen Kopf wieder in Form bringen.

Friseursalon auf dem Dachboden

Freitagnachmittag, 16.30 Uhr. Lenz steigt die Treppen einer 250 Jahre alten Scheune hoch. Unten Velokeller, in der Mitte ein kleiner Fitnessraum, ganz oben das Herzstück: eine Friseurnische auf dem Dachboden, wo früher Hockey gespielt wurde.

Empfangen wird Lenz von Christopher Spain, 15, dem Autodidakten unter den Friseuren des Laufentals, und seinem Kumpel Benjamin Aemisegger, 16. Die beiden sind seit 13 Jahren dicke Freunde. Chris hat ihn vor einer halben Stunde kurzfristig als Model für einen Demonstrations-Haarschnitt aufgeboten. Während Benjamin von seiner Berufslehre beim Tiefbauamt erzählt, streift sich Chris eine schwarze Barberschürze und schwarze Nitrilhandschuhe über. Und schon wirkt der Dachboden wie ein professioneller Barbershop.

Modern Mullet mit Taper Fade

«Was darf es denn sein?», fragt Chris. Benjamin weiss es genau: einen «Modern Mullet mit Taper Fade.» Lenz versteht ungefähr so viel wie beim Lesen einer Steuererklärung. Chris klärt auf: «Der Modern Mullet verbindet längeres Haar im Nacken mit einem sanften Übergang an den Seiten. Kein Vokuhila der 1980er-Jahre, sondern dessen zeitgemässe, deutlich gepflegtere Variante.»

Kamm und Schere gleiten geschmeidig durch Chris’ Hände. Zwischendurch fragt er Benjamin, wie sein Tag gewesen sei, hört aufmerksam zu. Lenz beobachtet die Szenerie. Hier schneidet einer nicht einfach Haare. Hier hat einer verstanden, dass Dienstleistung auch Beziehung bedeutet.

Die Geburt von «Chris Cut»

Die Idee entstand aus einem einfachen Problem. Chris und Benjamin wollten alle zwei Wochen einen guten Haarschnitt. Dafür jedes Mal ins Stedtli zu fahren, inklusive Weg und Wartezeit, wurde beinahe zum Tagesprojekt. Und ganz zufrieden waren sie mit dem Ergebnis auch nicht immer. Also beschlossen sie, es selbst zu versuchen.

Chris schaute auf Social Media mehr als 50 Stunden Tutorials. Für 300 Franken kaufte er einen Barberstuhl, für knapp 1000 Franken Friseurutensilien und Mobiliar. Dann begann er zu schneiden. Benjamin war das erste Versuchskaninchen. Die Geburt von «Chris Cut», dem eigenen Business.

Anfangs kamen drei Kunden pro Monat. Heute können es an einem Samstag auch mal zehn sein. Die halbe Klasse lässt sich inzwischen von Chris die Haare schneiden. Jugendliche kommen aus Blauen, Laufen, Dittingen, Zwingen, Breitenbach und sogar Kollegen von Kollegen aus Basel.

Benjamin ist voll des Lobes für seinen Freund, bevor er sich in den wohlverdienten Ausgang verabschiedet. Chris könne gut zuhören, beraten, saubere Übergänge und Konturen schneiden. Er hole Feedback ein und wolle sich stetig weiterentwickeln.

Der schwierigste Kunde

Der nächste Kunde, bitte. Jetzt ist Lenz an der Reihe. Er legt seinen schwarzen Traveller-Hut zur Seite und nimmt auf dem Barberstuhl Platz. Ein undefinierbarer Restbestand an Haaren kommt zum Vorschein, sozusagen die Antithese zum «Modern Mullet»-Schnitt seines Vorgängers.

Chris bietet ihm ein Getränk an, schüttelt den Schneideumhang wie einen Zorro-Umhang über seine Schultern und legt einen Nackenstreifen um den Hals.

«Was machen wir denn heute?» Lenz möchte wissen, wie man seinen gegenwärtigen Haarschnitt fachlich bezeichnet. «So etwas tragen meine Kunden halt nicht», sagt Chris leicht verlegen. Lenz hakt nach, ob er so eine Ausgangslage schon einmal hatte? «Nein. Auf diesem Stuhl sicher nicht.»

Normalerweise arbeitet Chris mit jugendlicher Vollbehaarung. Lenz ist, mal abgesehen von seinem Vater, sein ältester Kunde. Seine Stirn ist über die Jahre vom vielen Denken nach hinten gewachsen. In der Kopfmitte befindet sich eine Art Waldlichtung, rundherum ein grau melierter Haarkranz. Gemeinsam suchen sie nach einer passenden Bezeichnung. Vielleicht ein «Tonsur-Vokuhila», schlägt Lenz vor. Chris muss lachen.

Zwei bis drei Zentimeter kürzer, wenn möglich leicht gestuft, wünscht sich Lenz. Keine einfache Aufgabe bei so wenig Material. Chris macht sich ans Werk. Während die spärlichen Haare fallen, sprechen sie über die Zukunft des Progymnasiasten. Früher wollte er Chirurg werden. Inzwischen kann er sich vorstellen, eine eigene Barbershop-Kette aufzubauen. Auf jeden Fall möchte er sein eigener Chef bleiben.

Mehrere Fliegen auf einen Schlag

Nach kurzer Zeit ist der Schnitt fertig. Etwas gar kurz für Lenz-Verhältnisse, aber zweifellos frischer. «Und wie nennt man das nun?», fragt Lenz. Chris überlegt. «Ist jetzt nichts extrem Modernes, am ehesten vielleicht eine Bob-Frisur.» Lenz nimmt es sportlich. Exklusiv ist der Schnitt allemal. Niemand sonst im Laufental dürfte derzeit diese Variante tragen.

Lenz lässt sich wie immer die Haare auf dem Boden zeigen. Ein bescheidener Haufen. Dann bedankt er sich und verabschiedet sich.

Im roten Journal notiert er später stichwortartig seinen Befund: ein 15-jähriger Autodidakt mit Unternehmergeist. Ein Angebot mit Zukunft. Eine ungewöhnliche Location. Und ein neuer Haarschnitt. Mehrere Fliegen auf einen Schlag. Manchmal muss man einem Potenzial nicht lange hinterherlaufen, man muss nur den Kopf hinhalten.

Sachdienliche Hinweise an www.detektei-laufental.ch.

«So einen Haarschnitt tragen meine Kunden halt nicht.»

Detektei Laufental

Im Auftrag der Promotion Laufental ist der St. Galler Soziologe und Journalist Mark Riklin als Detektiv Jonas Lenz im Tal unterwegs. Auf der Suche nach besonderen Potenzialen: nach Menschen mit Geschichte, ungewöhnlichen Orten, verborgenen Schätzen und erzählenswerten Begebenheiten. Alles, was ihm begegnet, hält er in seinem roten Journal fest: Beobachtungen, Gespräche, Zufallsfunde und sachdienliche Hinweise. Daraus entstehen erzählerische Ermittlungsnotizen: Geschichten zwischen Reportage, Spurensuche und Abenteuer. Die Serie, die nach der guten Resonanz der acht Episoden noch etwas weitergeführt wird, gibt Einblick in die laufenden Ermittlungen des Projekts, das über die Neue Regionalpolitik (NRP) gefördert wird.

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