Thierstein
12.01.2022

Ein Gemälde und seine Geschichte

Lager für Flüchtlinge: Die «Rote Fabrik» in Büsserach, Ölgemälde, 1942, gemalt von Arno Stern. Foto: Niklaus Starck

Lager für Flüchtlinge: Die «Rote Fabrik» in Büsserach, Ölgemälde, 1942, gemalt von Arno Stern. Foto: Niklaus Starck

Die «Rote Fabrik» in Büsserach wurde im Jahr 1942 vom damals internierten Juden Arno Stern in einem Ölgemälde festgehalten — eine bewegende Geschichte.

Von: Niklaus Starck

Wenige Wochen nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 in Berlin fuhr der damals neunjährige Arno Stern in seinem kleinen roten Tretauto im Hinterhof eines Wohnhauses in Kassel seine Kreise, als ihn die Mutter rief: Er solle kommen, sofort! Es blieb nicht einmal mehr die Zeit, sein Auto ordentlich zu parken.

Die Sterns waren Juden. Ihre zwölfjährige Flucht vor den Schergen des Naziregimes hatte in diesem Moment begonnen. Vater und Mutter Stern reisten mit ihrem Sohn Arno hastig nach Mulhouse im Elsass, ein Jahr später nach Mont­béliard in der Nähe von Belfort. Der Vater arbeitete dort als Fensterputzer, Arno half ihm dabei. Nach Kriegsbeginn und der deutschen Westoffensive zogen die Sterns mit Millionen von anderen Flüchtlingen nach Südfrankreich bis in die ­Gegend der Pyrenäen — sie waren heimatlose, entwurzelte und obdachlose Flüchtlinge geworden. Im Jahr 1942 begann in Frankreich die systematische Ausrottung der Juden, die Deportationen in die deutschen Vernichtungslager ­waren angeordnet worden. Die Sterns erfuhren in Valence im französischen Rhonetal vom Schicksal, das sie erwartete. Sie flüchteten umgehend zu Fuss in die Berge. Ausgerüstet mit falschen ­Pässen wagten sie den Marsch über den Dent d’Oche südlich des Genfersees in die Schweiz. Von der Schweizer Armee aufgegriffen, wurden sie getrennt. Die Mutter kam in ein Flüchtlingslager für Frauen bei Lausanne, später ins «Tivoli» nach Luzern. Vater und Sohn kamen nach Büsserach. Dort waren sie vom Herbst 1942 bis im Frühjahr 1943 in der «Roten Fabrik» interniert. Dort entstand Arnos erstes Ölgemälde. Er war damals 18 Jahre alt und schon fast zehn Jahre als Flüchtling unterwegs.

Pädagoge, Forscher und Maler

Nachdem das Lager in Büsserach geschlossen worden war, verbrachten Vater und Sohn die Jahre bis zum Kriegsende in den Lagern von Bonstetten und Hedigen. Dann zogen sie zurück nach Montbéliard, fern der Heimat, wo die Eltern bis zu ihrem Tod als französische Staatsbürger lebten. Arno zog nach Paris, wo er sich ganz dem Malspiel verschrieb. Er machte sich als aussergewöhnlicher Pädagoge und Forscher international einen Namen und unterrichtet heute noch, mit 97 Jahren, in seinem «Closlieu», dem «Malort» an der Rue Falguière in Paris – aussergewöhnlich!

Seidenzwirnerei bis 1932

Die «Rote Fabrik» an der Breitenbachstrasse in Büsserach — sie hat ihren Namen von der roten Fassadenfarbe — wurde im Jahr 1861 als «Seidenzwirnerei Vischer & Co.» gebaut. Als Industriebau konzipiert, sind ihre Struktur und Statik sehr einfach gehalten. Die Geschosse mit einer lichten Höhe von gut drei Metern sind in der Mitte des Raumes jeweils nur durch eine Stützenreihe gegliedert. Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten dort 300 Personen, vorwiegend Frauen. Die Fabrik schloss ihren Betrieb im Jahr 1932 — das Gebäude blieb erhalten. Der Vorbau mit dem Kamin wurde 1934 abgerissen, die Kantonsstrasse hat ihren Platz eingenommen.

Der Text basiert auf persönlichen Gesprächen mit Arno Stern. Niklaus Starck traf den Künstler einmal in Paris, 2014, das andere Mal in Mendrisio, 2015.Weitere Infos zu «Closlieu» auf Sterns Internetseite: arnostern.com.