Seewen
22.07.2020

Sammler, Tüftler und Visionär

Hätte am 22. Juni seinen 100. Geburtstag gefeiert: Heinrich Weiss (l.), hier mit Alfons Eschle (Aufahme 4.3.2017). Foto: Jürg Jeanloz

Hätte am 22. Juni seinen 100. Geburtstag gefeiert: Heinrich Weiss (l.), hier mit Alfons Eschle (Aufahme 4.3.2017). Foto: Jürg Jeanloz

Auf seinen 100. Geburtstag plante die Museumsleitung in Seewen und der Gründer Heinrich Weiss eine Sonderausstellung mit seinen Lieblingsobjekten. Dem Geehrten war es leider nicht vergönnt, das­selbe zu erleben.

Von: Jürg Jeanloz

Wanduhren zu flicken und verblüffte damit Familie und Freunde. Die Mechanikerlehre in Erlenbach ZH schloss er 1939 mit der Konstruktion einer selbst gebauten Dampfmaschine ab. Der wissbegierige und ehrgeizige Praktiker absolvierte sodann das Abendtechnikum in Zürich und wurde Betriebsleiter und Konstrukteur einer Fabrik in Pfäffikon. 1946 heiratete er Berty Stauffacher, vier Jahre später übernahm er die kränkelnde Druckerei seiner Schwiegereltern und brachte sie dank neuer Techniken und viel Geschäftssinn wieder auf Vordermann. Auf Etiketten und Verpackungen spezialisierte sich der innovative Jungunternehmer, ja, er entwickelte sogar die Frühform des Strichcodes.

1950 sah Heinrich Weiss in einem ­Basler Antiquariat eine Musikdose aus Sainte-Croix in einem gediegenen Holzgehäuse mit Kerbschnitzereien, die er unbedingt haben musste. Nach dem Einwurf einer Münze begann eine liebliche Melodie zu spielen und vier Püppchen tanzten anmutig im Kreise. Seine Sammlerleidenschaft und seine Begeisterung für Musikautomaten waren geweckt, ­Uhren hatten es ihm schon lange angetan, fortan spezialisierte er sich auf mechanische Musikinstrumente.


Musikalische Lieblingsobjekte
In der Sonderausstellung zu seinem 100. Geburtstag, die alle Vorsichtsmassnahmen der Corona-Pandemie erfüllt, werden 12 musikalische Lieblingsobjekte ausgestellt. Besonders mochte er die typische Strassen-Drehorgel «Violino-Clariton», die mit ihren 97 Orgelpfeifen so vielen Leuten auf den Jahrmärkten Freude bereitete. Ganz besonders stolz war der Museumsgründer auf die «Welte-Philharmonie-Orgel», die für die «Britannic», einem Schwesternschiff der 1912 gesunkenen «Titanic», vorgesehen war. Sie ist das Paradestück des Museums und kann sowohl von Hand wie auch mit Papierrollen bespielt werden. Zur Erinnerung an seine Frau Berty, die er beim Tanzen und Wandern auf der Schatzalp kennengelernt hatte, und die ihn später tatkräftig im privaten Museum unterstützte, hat Weiss die Musikdose «Variations» (1865) ausgewählt, die dank einem Stahlkamm von 194 Tonzungen zwei liebliche Melodien wiedergibt. Seine Frau Berty starb 1986, zehn Jahre später heiratete er Hannemi Winkler.


Der Bundesrat im Museum
«Neben den Lieblingsobjekten habe wir 80 Fotos aus dem Leben von Heinrich Weiss ausgewählt», sagt Museumsleiter Dr. Christoph E. Hänggi. Der ehemalige Bundesrat Otto Stich, der immer wieder das Museum besuchte, hatte sogar den ganzen Bundesrat eingeladen, um die aussergewöhnlichen Kostbarkeiten seinen Kollegen zu zeigen. Hohe Beamten, Kantonsregierungen und Gäste aus dem Ausland gaben sich in Seewen die Ehre. 1976 erhielt Weiss die Ehrendoktorwürde der Universität Basel und zwei Jahre ­später den Kulturpreis des Kantons ­Solothurn.

Im Verlauf seines Lebens sammelte der Ehrenbürger von Seewen Hunderte von Musikdosen, Orgeln, Uhren, Musikautomaten, Grammophone und Tonträger, die er auch bedienen und reparieren konnte. Die Sammlung ist einmalig und kulturell unschätzbar. 1990 schenkte Weiss der Schweizerischen Eidgenossenschaft Sammlung und Museum, damit sein Lebenswerk in sichere Hände gelangt. 2019 meldete das Bundesamt für Kultur bei der UNESCO die Kandidatur des Uhrmacherhandwerks als immaterielles Kulturerbe der Menschheit an. Schliesslich war die Schweiz einst führend in der Entwicklung mechanischer Musik.


Sonderausstellung bis 1. November 2020 zum 100. Geburtstag von Dr. h. c. Heinrich Weiss im Museum für Musikautomaten mit vielen Fotos und seinen musikalischen Lieblingsobjekten. Öffnungszeiten: Täglich 11 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.