Virtuose neue Volksmusik mit Verve
Letzten Sonntag bestritten die Musikerinnen Evelyn und Kristina Brunner im Museum für Musikautomaten eine «Schweizer Matinee». Mit Schwyzerörgeli, Bass und Cello zauberten sie poetische Klangbilder.

Das Foyer des Museums war brechend voll, als die Brunner-Schwestern die Bühne betraten. Wer auf «Hudigäggeler»-Musik allergisch ist, muss die Eigenkompositionen von Evelyn und Kristina Brunner lieben. Es sind Stücke, die zwar von der Tradition leben, aber frei von Folklorismus sind. Ihre Virtuosität ist nie Selbstzweck und ihre Emotion gleitet nie in seichte Sentimentalität ab. Im Stück «Schwindelfrei» wird erst ein Klangteppich ausgebreitet, bis ein bewegtes, kreisendes Spiel zwischen Gleichgewicht und Taumel beginnt, oft mit chromatischen Passagen und Disharmonien durchsetzt. «Rüggewind» ist ein stark rhythmisches, erzählendes Stück mit fast widerständigem Charakter und voller musikalischer Ideen. Im schnellen Ländler «Rondell» spielte Evelyn Brunner auf dem Örgeli presto und unglaublich virtuos, und Kristina entwickelte mit dem gestrichenen Bass einen warmen Klang. Dieses Stück mit erkennbarer Kreisform fliesst ruhig und mutet beinahe höfisch an. Naturhaft, poetisch und hell kam «Birketanz» daher, eine Hommage an die flirrenden Blätter der Birke. Im dunklen «Nachtvogel» mit seiner gezupften Cello-Melodie entwickelte sich dagegen eine starke introspektive, erzählerische Atmosphäre. Nach einem schönen Spannungsaufbau kehrt das Stück am Ende zum Ausgangsthema zurück.
Zwischen Tradition und modernem Raffinement
Der Ausschnitt aus «Fahre» begann langsam mit einer lyrischen Melodienfolge. Das an sich längere Stück von Evelyn Brunner wurde aber bald abgelöst von einem schwingenden Werk im 9/8-Takt, das noch keinen Namen trägt. Dieses muntere, fantasievoll auskomponierte Stück mit synkopischem Charakter und hohem künstlerischem Anspruch wurde von den beiden Musikerinnen subtil gespielt. «Erschte Mai» für zwei Schwyzerörgeli ist ein höchst raffiniert gesetztes und lüpfiges Stück. Die beiden Örgeli spielen zunächst im Dialog; die Melodien wechseln von Dur nach Moll. Während Evelyn Brunner später den Lead innehatte und mit dem Schüttelbalg einen leicht rauen und flackernden Klang erzeugte, hatte Kristina eine repetitive Begleitung, wobei sie teilweise mit Klappengeräuschen eine perkussive Wirkung erzielte. Einen völlig anderen Klangcharakter hatte das Stück «Parade», das sich poetisch und kantabel anhört und eine innige, friedvolle Stimmung verströmt. Der «Dragón», eine Hommage an den Steigdrachen, startet mit hohen Tönen, besitzt grosse Spannungsbögen und hat eine gewagte Klangsprache. Am Schluss gibt es eine Reprise des Anfangs, die dann leise verklingt. Leise und wehmütig beginnt «Laissez-faire», das einen swingenden Charakter annimmt und verblüffend modern wirkt. Im den Berner Lauben gewidmeten, intimen Stück «Loube»im 7/8-Takt führt das Cello mit der Melodie, und das Örgeli antwortet imitatorisch; schön sind vor allem die Flageoletttöne des Cellos und das wiegenliedhafte Wesen dieses lyrischen Werks.
Mit dieser Musik voller Bildhaftigkeit, modaler Farben und rhythmischer Finessen ging die Saison der GMS-Matineen mit grossem Applaus zu Ende. Als Zugabe gab es noch die «Voie douze» mit ihrer schwebenden Melodie.

