Region: Gesellschaft
26.02.2019

Mit kleinen Schritten über Kulturgrenzen

Bauen Brücken in den Orient: Maha Tubbeh (l.) und Noha Elrefai bringen den Kursteilnehmern auch die arabische Schrift bei.  Foto: Reinhard Straumann

Bauen Brücken in den Orient: Maha Tubbeh (l.) und Noha Elrefai bringen den Kursteilnehmern auch die arabische Schrift bei. Foto: Reinhard Straumann

«Sollte er sich auf die Matratze legen oder doch aufs Sofa, das weich war wie Watte? Der Admiral legte seine Mütze ab, spielte die Laute, genoss sein Sorbet und goss aus der Karaffe den Mokka mit viel Zucker in seine Tasse nach.»

Reinhard Straumann

Worum handelt es sich denn hier, werden sich jetzt manche fragen, um einen Artikel im Wochenblatt oder doch um einen Dreigroschenroman? Das Rätsel ist schnell gelöst: Das Konstrukt der beiden Eingangssätze besteht darin, dass sämtliche Hauptwörter arabische Wurzeln haben. Wer hätte das entdeckt? Die neueren weltpolitischen Entwicklungen, die Nahostkriege der vergangenen Jahrzehnte und die daraus folgenden Migrationsströme haben unser Bild von der arabischen Welt verzerrt. Ein intensiver kultureller Transfer zwischen Orient und Okzident hatte – trotz der Kreuzzüge – durch das ganze Mittelalter hindurch Bestand; er bildet sich bis heute in der Sprache ab. Leider ist uns das Bewusstsein dafür abhandengekommen. Der Kulturaustausch, der in beide Richtungen befruchtend wirkte und für die westliche Welt viele Wissensbereiche erschloss (wie etwa die Medizin), wurde verdrängt und hat Feindbildern, Ängsten und Unkenntnis Platz gemacht.

Arabisch-Kurs für Interessierte

Was können wir dagegen tun, fragten sich Noha Elrefai und Maha Tubbeh – die eine aus Ägypten stammend, die andere aus Palästina –, die vor mehr als zehn Jahren mit ihren Familien in die Schweiz gekommen sind. Beide verfügen über akademische Ausbildungen, beide haben sich in der Schweiz nach Möglichkeiten umgeschaut, ihre Kompetenzen in der neuen Gesellschaft einzubringen. Gleichzeitig wollten sie auch der möglichen Isolierung als Expats (ihre Ehemänner arbeiten bei den grossen Pharmakonzernen unserer Region, die Kinder besuchen die International School) entgehen. Noha und Maha haben die entsprechenden Nischen gefunden. Sie leisten Übersetzungsarbeit, helfen Flüchtlingen, bereichern den Länder-Mittagstisch der reformierten Kirche Reinach mit orientalischen Mahlzeiten – und vor einem Jahr ist noch eine weitere Besonderheit dazugekommen. Sie erteilen allmontäglich im Buchcafé bei der Gartenstadt in Münchenstein einen Arabisch-Kurs für Interessierte. Und zwar tun sie das gratis und franko (die kleine Gebühr, die die Kursteilnehmer und -teilnehmerinnen entrichten, ist volllumfänglich Unterstützungsbeitrag für das gastgebende Antiquariat). Nohas und Mahas Lohn besteht im Engagement und der Motivation, die ihnen ihre «Studierenden» entgegenbringen.

30 Minuten Hausaufgaben – täglich

Von Anfang an haben sich drei Damen und ein Herr zum Kurs angemeldet, die alle weiterhin mit Freude und Fleiss dabei sind. Sie haben mittlerweile ein so erstaunliches Niveau erreicht, dass sie auf einem Markt in Kairo oder einem Restaurant in Rabat in einfacheren Alltagssituation bestehen würden. Und dazu kommt noch, als besondere Herausforderung, die Schrift! Schnell werden im Kurs bemerkenswerte Komplexitätsstufen erreicht, denen nur gerecht werden kann, wer seine Hausaufgaben macht. «Täglich 30 Minuten wären ideal», sagt der männliche Kursteilnehmer, der sich im Kurs so viel Einstiegsknowhow erarbeiten konnte, dass er jetzt motiviert ist für einen Intensivkurs in Marokko. Und auch die beiden Kursleiterinnen ziehen Gewinn aus ihrer Arbeit: Sie verhilft ihnen zur Entwicklung ihrer Sprachkenntnisse auf Deutsch, sie trägt bei zu einer vorbildlichen Integration in eine Kultur, der sie von Anfang an ohne Vorurteile begegnet sind. Es wäre wünschenswert, wäre das häufiger auch in die andere Richtung der Fall.

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