Aesch Pfeffingen
15.09.2021

Als Quatschmacherin im Katastrophengebiet

Ist als «Flugi» oder «Pimpinelly» unterwegs: Clownin Anke Bittkau. Foto: ZVG

Ist als «Flugi» oder «Pimpinelly» unterwegs: Clownin Anke Bittkau. Foto: ZVG

Die Aescherin Anke Bittkau ist ausgebildeter Gesundheits-Clown. Vergangene Woche besuchte sie die von der Jahrhundertflut betroffenen Gebiete in Deutschland und brachte etwas Fröhlichkeit zurück.

Von: Tobias Gfeller

Die Bilder der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gingen um die Welt. Über 180 Menschen kamen im vergangenen Juli in den Fluten ums Leben. Die Aescherin Anke Bittkau kennt als gebürtige Deutsche das Gebiet aus eigener Erfahrung. Im vergangenen Februar schloss sie eine zweijährige berufsbegleitende Ausbildung zum Gesundheits-Clown ab. Der geschützte Begriff dazu heisst «Gesundheit!Clown». Beim Joggen kam ihr die Idee, die leidgeplagten Menschen im Katastrophengebiet als Clown zu erheitern. Es war ihre innere Stimme, die sich durchsetzt. «Rational gedacht war mir eigentlich klar, dass diese Menschen, die mit einem derartigen Schicksal zu kämpfen haben, als Letztes einen Clown brauchen, der versucht, sie zum Lachen zu bringen.» Doch die innere Stimme war stärker als der rationale Verstand. Vergangene Woche verbrachte Anke Bittkau drei Tage als «Quatschmacherin», als die sie sich selber bezeichnet, in drei Dörfern entlang des Flusses Ahr, der von einem grösseren Bach zur Sturmflut wurde.

Nervosität und singende Senioren

Alleine schon die Anreise mit der Deutschen Bahn, bei der Lokführer in dieser Zeit streikten, war ein Abenteuer. Eine Freundin stellte einen Kontakt ins Krisengebiet her. «Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Ich kannte nur die Bilder aus den Medien.» Angefangen hat alles im Dörfchen Dernau, das im Gebiet der Ahr nicht mehr wieder zu erkennen war. Dort wurde sie zu einem Kaffeekränzchen von Seniorinnen und Senioren eingeladen, die in den Wochen zuvor vorwiegend zu Hause sassen. Ihre rechte Hand zitterte vor Nervosität so stark, dass sie anfangs nicht mal die Tasten des Akkordeons drücken konnte. Sie begann mit dem einfachen Lied «Kommt ein Vogel geflogen...». Dann passierte etwas Unglaubliches, erzählt Anke Bittkau. «Alle am Tisch stimmten in das Lied ein und sangen gemeinsam alle Strophen. Ich war überrascht, hatte Gänsehaut und feuchte Augen.» Danach war der Bann gebrochen.

Ihr Programm passt sie dem jeweiligen Gegenüber an. Spontaneität ist dabei essenziell. Manchmal stand Anke Bittkau mit ihren übergrossen Seifenblasen einfach nur da und bereitete jenen ein Strahlen, die dazu bereit waren, und bot jenen ein offenes Ohr – auch mal ohne rote Nase – die ihr Leid klagen wollten. In solchen Momenten war Anke Bittkau auch einfach mal nur Mensch, war da für jene, die Schreckliches erlebt und Existenzängste haben oder seit Wochen im Katastrophengebiet helfen.

Positive Rückmeldungen

Die Aescherin ging als Clownfigur «Flugi» ins Flutgebiet. Alternativ hätte sie noch «Pimpinelly» auf Lager. Schlüpft Anke Bittkau in eine der beiden Figuren, ist der Charakter Anke Bittkau ganz weit weg. «Dann bin ich wirklich Flugi oder Pimpinelly – von den Haaren bis zu den Zehenspitzen.» Das sei ein wichtiger Teil der Ausbildung gewesen, dass man sich vollends der Clownfigur hergibt. Sobald sie im Ahrtal ihr Clownkostüm anhatte, galt es, lustig zu sein. «Man muss es dann auch wirklich durchziehen, auch wenn das gegenüber traurig oder skeptisch ist. Es ist ja unsere Aufgabe, den Menschen zu ermöglichen, wieder einmal Freude zu spüren und zu erleben.»

Dass dies geklappt hat, zeigen die Rückmeldungen vor Ort. Eine Berliner Ärztin, die sie am ersten Tag kennen gelernt hatte, meinte dankbar zu ihr: «Anke, du hast den Leuten wirklich neuen Lebensmut und neue Lebenslust gegeben.» Dieses Gefühl nimmt Anke Bittkau zurück in ihren Alltag, in dem sie als Pflegerin im Alters- und Pflegeheim Im Brüel in Aesch arbeitet. Auch dort hat sie zur Freude der Bewohnerinnen und ­Bewohner ab und zu ihre rote Clownnase an. Anke Bittkau schliesst nicht aus, ins Ahrtal zurückzukehren. «Das Leid der Menschen dort wird noch lange ­anhalten.»