Dornach: Theater
15.03.2017

Poesie aus dem Parkhaus

Poesie in der Dunkelheit: Julian Voneschen und Michèle Flury erzählen das Märchen von Mantao.  Foto: ZVG/Cornelius Hunziker

Poesie in der Dunkelheit: Julian Voneschen und Michèle Flury erzählen das Märchen von Mantao. Foto: ZVG/Cornelius Hunziker

Mit «Die Königlichen Gaukler – underground» ist dem Jugendtheater Junges M unter Sandra Löwe ein Aussteiger-Stück mit philosophischem Hintergrund, epischem Atem und starken Einzelepisoden gelungen.

Thomas Brunnschweiler

Bevor das Licht im Zuschauerraum ausgeht, greift Leo Marggraf wie ein von der Tarantel gestochener Saloon-Pianist in die Tasten. In einem Parkhaus oder in der Kanalisation einer Grossstadt finden fünf intelligente Freaks und ein Kind ein Märchen. Es ist «Der Königsgaukler» von Manfred Kyber, das vom geheimnisvollen Mantao erzählt, der einst einer Lotusblüte entstieg. Er kommt von den Bergen Tibets herab in die Täler Indiens, um seinen Schild über alles zu halten, was atmet, und erlebt Abenteuer um Abenteuer. Der Kontrast zwischen der dunklen Höhle des Parkhauses und der hellen, fast kosmischen Weite des Märchens verweist auf Platons Höhlengleichnis, das die Spieltruppe zusammen mit ihrem Philosophie-Coach Andrzej Wojnicz zuvor ausgiebig besprochen hat. Es entsteht ein spannungsvoller Kontrast zwischen «Underground» und «Märchen», zwischen Abstieg und Ausblick. Die jungen Menschen im Untergrund sind aus dem Hamsterrad des Alltags ausgestiegen, um sich der Wissenschaft, Musik, dem Tanz und Gesang und der Literatur zuzuwenden. Das Märchen von Mantao bildet den Katalysator, um in die Realität zurückzukehren und die «Stadt der erloschenen Lampen», wie sie im Märchen heisst, wieder anzuzünden. Da es nur wenige Verbindungen zur Aussenwelt gibt, steigt bald der Verdacht auf, dass das Stück – wie auch ein Mitspieler vermutet – «in der eigenen Seele» spielt, sozusagen als archetypisches, tragikomisches Gleichnis.


Tiefsinnig und humorvoll

Weil die Rahmenhandlung keine eigene Dramatik entwickelt, richtet sich der Fokus auf die epischen Elemente des Märchens. Hierzu leistet das Bühnenbild einen wichtigen Beitrag. Ein «seidenes» Hochbett, eine Schaukel, ein Erdhaufen, eine Sammlung von Tierskeletten, ein Klavier, Bücher und Lichtobjekte verwandeln die Trostlosigkeit des Ortes in das poetische Versprechen des Aufstiegs zum wahren Sein.

Wenn auf der Bühne eine Geschichte erzählt wird, fordert dies von den Spielenden den vollen Einsatz ihrer stimmlichen, mimischen und gestischen Fähigkeiten. Franziska Zweifel, die mit einem hinreissenden französischen Akzent spricht, überzeugt auch am Monochord und mit ihrem Gesang. Michèle Flury huscht mit ihrem langen Mantel auf Rollschuhen über die Bühne. Melanie Green agiert unter anderem als ausdrucksstarke Tänzerin. Leo Marggraf mimt den schwarz gekleideten Pianisten mit lakonischem Witz und Julian Voneschen erweist sich stimmlich wie mimisch als unglaublich wandlungsfähig. Seine Verkörperung der personifizierten irre lachenden Pest ist ebenso stark wie seine akrobatischen Einlagen. Die heimliche Heldin ist die zehnjährige Chiara Müller, die in der Schlussszene dem Abend nochmals einen eigenen Zauber verleiht. Bei der Premiere in neuestheater.ch am letzten Samstag hätte man Sandra Löwe und ihrem Team gerne noch etwas mehr Zuschauer gewünscht.

Jugendtheater Junges M: «Die Königlichen Gaukler – underground», neuestheater.ch, Bahnhofstrasse 2 Dornach, 16./17./18. März, 20 Uhr; So 19. März, 18 Uhr.

 

«UNESCO-Welttag der Poesie»

Am Dienstag, 21. März, wird sich im Foyer von neuestheater.ch ganz der Poesie gewidmet, denn es findet der UNESCO-Welttag der Poesie statt. Die Lesungen der Autorinnen und Autoren aus der Region finden an diesem Tag blockweise im Foyer des Theaterhauses statt: 14.30 bis 17.30 Uhr und 18 bis 20.30 Uhr.
Die UNESCO weist der Dichtkunst auch im Zeitalter der neuen Informationstechniken einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu. Er soll dazu beitragen, den kulturellen Austausch zwischen Völkern zu intensivieren. Leitung: Johanna Gerber.

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