Dornach: Theater
23.03.2016

Theater-Marathon am Goetheanum

Aus dem Osterspaziergang vor dem Tor aus «Faust I»: Barbara Stuten als Alte und Urs Bihler als Bettler. Foto: zVg/Georg Tedeschi

Aus dem Osterspaziergang vor dem Tor aus «Faust I»: Barbara Stuten als Alte und Urs Bihler als Bettler. Foto: zVg/Georg Tedeschi

Die ungekürzte Fassung von «Faust 1 und 2» in der Neuinszenierung von Christian Peter hat eine Spielzeit von 17 Stunden. Dies ist für die Beteiligten auf, hinter und vor der Bühne eine grosse Herausforderung.

Thomas Brunnschweiler

Welches sind die Motive, so tief und lang in ein Drama einzudringen? Negativ formuliert: Warum tut man sich einen solchen literarischen Marathon an? Selbst Andrea Pfähler vom Leitungsteam hat diesen Aspekt im Auge, wenn sie sagt: «Ich hoffe, dass es ganz viele Verrückte gibt, die sich das Stück anschauen.» Nun, eigentlich ist ein solches Medienverhalten in unserer Zeit gar nicht so verrückt. Viele Menschen sehen sich ganze Filmserienstaffeln am Stück an oder tauchen bei Videospielen tagelang in eine virtuelle Welt ab. Man entdeckt, dass die lange Zeit, die man in einer fiktiven Welt verbringt, die Qualität der Wahrnehmung und die Nachhaltigkeit des Erlebten erhöht.

Schlüssel zur Moderne

«Faust 1 und 2» sind die Schlüsseldramen der Moderne. Hier kommt alles zur Sprache: Schuld und Sühne, Krieg und Frieden, Geld und Geist, Zeitgenössisches und Mythologisches sowie die esoterischen Zwischenwelten, die sich der Sichtbarkeit entziehen. Hier müssen Bezüge zur Aktualität nicht künstlich erzeugt werden. Der Text Goethes ist so angelegt, dass sie jedem Zuschauer sofort auffallen können. Das Goetheanum ist mit Goethes «Faust» so untrennbar verbunden wie Bayreuth mit Wagners «Ring». 1938 fand in Dornach die Uraufführung der ungekürzten Fassung des Doppeldramas statt. Die Neuinszenierung von Christian Peter ist die

75. Gesamtaufführung. Regisseur Peter sagt: «Mich selber hat dieser Faust, der immer wieder sucht und die Welt entdeckt, stets inspiriert.» Er betont, dass in seiner Inszenierung alle Möglichkeiten der renovierten Bühne sowie zahlreiche Musik- und Klangmöglichkeiten genutzt werden.

Vielfältige Herausforderungen

Margarethe Solstad ist für die Eurythmie zuständig. «Es gibt Wesen im ‹Faust›, die übersinnlich sind und nur durch Bewegung und Tanz erschlossen werden können», erklärt sie. Oft wird die Eurythmie eingesetzt, um seelische Zustände wiederzugeben. Sprache und Eurythmie erzeugen einen Kumulationseffekt. Für Andrea Pfähler, die Christian Peter zur Seite steht, ist das «Faust»-Projekt, das vor 15 Monaten begann, eine «harte Nuss», die es von verschiedenen Seiten her zu knacken galt. «Dass ‹Faust› hier ungekürzt gespielt wird, war vorgegeben. Die integrale Fassung zu spielen ist eine schwierige Aufgabe, aber eine unglaubliche Chance», sagt Andrea Pfähler. Menschen, die sich darauf einliessen, würden etwas mitnehmen, was sie nie mehr verliesse. «Eine Herausforderung war auch die Bühne. Sie ist relativ eng und die Schauspieler müssen frontal sprechen, sodass Aktion und Sprechen stets getrennt vor sich gehen müssen.»

Eine «grosse Kiste»

Für die 17 Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die 23 Eurythmistinnen und Eurythmisten wurden rund 600 Kostüme hergestellt, für die Rob Barendsma verantwortlich zeichnet. Roy Spahn entwarf das Bühnenbild, das aus grossen, beweglichen Elementen besteht, die durch Einfachheit und Ästhetik bestechen. Grossartig ist auch das Lichtdesign von Ilja van der Linden. Auf Requisiten wurde bis auf wenige Ausnahmen verzichtet, sodass das Publikum sich auf das Wort und die Bilder konzentrieren kann, welche jenes evoziert. Mit einem Budget von 6 Millionen ist das Faust-Projekt «eine grosse Kiste». Die Zuschauer kommen vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum. Für die Oster- und Himmelfahrtsaufführung gibt es jeweils eine englische und chinesische Übersetzung. Mit Bestimmtheit lohnt es sich, 17 lächerliche Stunden seines Lebens in diesen multimedialen Bilderbogen zu investieren.

Goetheanum-Bühne: «Faust 1 und 2», Premiere: 25.–27. März 2016; alle Angaben unter: www.faust2016.ch.

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