Geschichte
16.10.2013

70 Jahre Bomber-Notlandung in Aesch

Bei der Kranzniederlegung sichtlich ergriffen (v. l.): Die Zeitzeugen Jean-Pierre Wilhelm, Werner Gallusser und Peter Hueber.Foto: Thomas Brunnschweiler

Bei der Kranzniederlegung sichtlich ergriffen (v. l.): Die Zeitzeugen Jean-Pierre Wilhelm, Werner Gallusser und Peter Hueber.

Foto: Thomas Brunnschweiler

Mit «pomp and circumstance» – wie die Angloamerikaner sagen – wurde am Montag beim Fliegerdenkmal beim Schlatthof der Notlandung des amerikanischen B17-Bombers «Lazy Baby» vom 14. Oktober 1943 gedacht.

Thomas Brunnschweiler

Was sich am 14. Oktober 1943 im deutschen Luftraum ereignete, ging als «Black Thursday» in die Geschichtsbücher zum Zweiten Weltkrieg ein. Die Boeing B17 «Lazy Baby» von Lt. Edward Dienhart gehörte zur 8. Luftflotte der US Air Force, die einen Grossangriff gegen die Kugellagerwerke in Schweinfurt fliegen sollte. Die deutsche Flab war jedoch bestens vorbereitet. In Granatengewitter und verfolgt von deutschen Jägern wurde eine «Flying Fortress» nach der andern vom Himmel geholt, insgesamt 60 Stück. Von der Bombergruppe 305 entkamen nur drei Flugzeuge dem Luftkampf. Zwei retteten sich auf ihre englische Basis, die «Lazy Baby» konnte sich mit noch einem funktionierenden Triebwerk in die Schweiz absetzen, wo sie auf einem Kartoffelacker beim Schlatthof niederging. Zwei Besatzungsmitglieder waren auf Geheiss des Piloten schon über Deutschland abgesprungen, der Rest der Besatzung, die den Befehl in dem Chaos gar nicht mehr hören konnte, blieb in der Maschine.

Der Flug muss mörderisch gewesen sein, denn eine Granate war in der Plexiglaskanzel zwischen dem Bombenschützen und dem Navigator explodiert und hatte Letzteren lebensbedrohlich verletzt. Ein anderes Besatzungsmitglied hatte es schwer am Gesäss erwischt. Der Pilot musste irgendwann in den Sturzflug übergehen, um die deutschen Jäger abzuschütteln. Es war eine fliegerische Meisterleistung, die B17 schliesslich auf dem Schlattfeld zu landen.


Ungewöhnliche Kriegsbeute

Jean-Pierre Wilhelm ist einer der noch lebenden Augenzeugen, die jenen Oktobertag in Aesch erlebten. Als er damals beim Fussballspiel plötzlich einen «Höllenlärm» – gefolgt von einem lauten Knall – hörte, machte er sich mit seinen Kameraden trotz Protesten der Mütter auf den Weg zur Absturzstelle. Andere Zeitzeugen hatten geglaubt, die Amerikaner würden die Dornacher Metallwerke bombardieren. Fünf der Besatzungsmitglieder waren nach dem ruppigen Aufprall praktisch unverletzt, der Navigator Donald T. Rowley erlag im Bürgerspital Basel seinen schweren Verletzungen. Leo Brodmann aus Ettingen machte sich das Durcheinander bei der Bergung zunutze, brachte in einem veritablen Lausbubenstück das 12,9-Millimeter-Maschinengewehr in ein Waldstück, vergrub es danach und versteckte es später in seinem Keller, um es «in Sicherheit» zu bringen. Erst 1987 übergab er die Bordkanone dem Ettinger Dorfmuseum, wo sie heute noch zu bestaunen ist.


Enge Verbindung zu den Veteranen

Die überlebenden Crewmitglieder wurden in Adelboden interniert und genossen alle Annehmlichkeiten einer Fünf-Sterne-Gefangenschaft; schliesslich waren sie eher Freiheitshelden als Feinde. Der schwer havarierte Bomber wurde verschrottet. Zu den jeweiligen Jubiläen fanden sich immer wieder amerikanische Crew-Veteranen und später deren Kinder in Aesch ein. Am 25. Mai 1995 konnte mit der grosszügigen Unterstützung der Christoph Merian Stiftung ein Denkmal errichtet werden, um des Ereignisses zu gedenken, bei dem die Weltgeschichte das Birseck im wahrsten Sinne des Wortes gestreift hatte. Einmal interessierte sich eine Film-Agentur für den Stoff, aber die Pläne, einen abendfüllenden Film zu drehen, zerschlugen sich, was zumindest Menschen in der Region echt bedauern dürften.


Emotionale Gedenkstunde

Rund 150 Menschen hatten sich beim Gedenkstein beim Schlatthof am Montagnachmittag eingefunden, darunter einige Zeitzeugen, die sich über den genauen Hergang der Ereignisse nicht ganz einig waren. Einige machten kein Hehl daraus, dass für sie das Amerika jener Zeit mit dem heutigen nicht mehr viel zu tun hat. Aber für Animositäten war während der Gedenkstunde kein Platz. Lt. Brent Himes, Flug-Attaché der US-Botschaft in Bern, unterhielt sich bestens mit Divisionär Bernhard Müller, dem stellvertretenden Luftwaffenchef. Nach Dudelsackklängen begrüsste Marianne Hollinger in ihrer Funktion als Gemeinderatspräsidentin die Anwesenden. Bei der Ansprache von Professor Werner Gallusser, der als Kind mit dem Velo selbst von Basel zum Landeplatz hinausgefahren war, wurde das Publikum nachdenklich gestimmt. Er gedachte des tapferen Navigators Rowley und zitierte den englischen Satz auf der Gedenktafel: «Er starb, damit wir in Freiheit leben können.» Danach legten der Redner und die Zeitzeugen Jean-Pierre Wilhelm und Peter Hueber einen Kranz nieder. Nach der Schweigeminute ertönte eine kurze Trompetenfanfare. Mitorganisator Patrick Schlenker – in einer Offiziersuniform der 1940er-Jahre – kündigte danach den Überflug einer P-51-Mustang an, die trotz des einsetzenden Regenwetters übers Gelände donnerte. Danach verschob man sich ins Dorfmuseum Ettingen, wo mit Apéro und Besichtigung der originalen Flugzeugrelikte der Anlass zu Ende ging.

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